Gegen Verführung

Laßt Euch nicht verführen!
Es gibt keine Wiederkehr.
Der Tag steht in den Türen,
ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt kein Morgen mehr.

Laßt Euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in vollen Zügen!
Es wird Euch nicht genügen,
wenn Ihr es lassen müßt!

Laßt Euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zu viel Zeit!
Laßt Moder den Erlösten!
Das Leben ist am größten:
Es steht nicht mehr bereit.

Laßt Euch nicht verführen
Zu Fron und Ausgezehr!
Was kann Euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt mit allen Tieren
und es kommt nichts nachher.

Bertolt Brecht

‚Die Tage‘ -Ein Gedicht?

Die Tage

von Anni Kloß*)

Die Politik wird nicht mehr gemacht,
sondern fortgesetzt. Das Unsoziale
ist alltäglich geworden. Der Experte
peppt die Großversager auf. Der Schwache
wird in die Gosse gedrückt.
Der Frack des Armen ist die Geduld,
die Beschwichtigung der Mindestlohn
und Almosen für die übrigen
ohne Hoffnung über dem Herzen.

Sie werden vergeben,
wenn nichts anderes mehr geht,
wenn Arbeit unsichtbar geworden ist
und der Schatten der Aussichtslosigkeit
den Himmel bedeckt.

Sie werden vergeben
für die Flucht von der Straße,
für die dumme Tapferkeit im Ertragen der Pein,
für den Verrat an den Aufmüpfigen
und die Nichtachtung
des Aufrufs zur Gegenwehr.

*) angeregt durch ein Gedicht von I. Bachmann

Rezensionen von Anni Kloß zu Büchern von Max Balladu.

Als enge Freundin des Autors, habe ich es bisher vermieden meine Rezensionen zu seinen Büchern, auf dieser Webseite zu veröffentlichen. Ich habe mir zwar Mühe gegeben, nüchtern und sachlich zu urteilen, aber meine Sympathie für den Autor und dessen Bücher, konnte ich natürlich nicht so einfach abstellen.

Nachdem wir uns nochmals beraten haben, kamen wir zu dem Schluss, dass es dennoch richtig ist, diese Rezensionen hier, auf separaten Seiten, zu veröffentlichen.

Balladus neues Buch ‚Ein Mensch 08-15?‘ Die Biografie eines Ingeniörs

Mit seinem 8. Buch veröffentlicht Max Balladu die Biografie eines Ingeniörs unter dem Titel:

‚Ein Mensch 08-15?‘

 und dem Untertitel:

Kriegskind – DDR-Mensch – Weltbürger – BRD-Frührentner

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Wie bereits bei den vorherigen Romanen stellt der Autor das neue Buch in zwei

öffentlichen Buchlesungen vor:

  1. Termin:  Mittwoch der  7. 11. 2018 um 19:00 Uhr
  2. Termin:  Donnerstag der  15. 11. 2018 um 19:00 Uhr

Beide Veranstaltungen finden traditionsgemäß in der

Gasstätte ‚Zur Alten Scheune‘ in Bennstedtstatt.

Inhalt der Lesung:

  1. Hinweise zum neuen Buch und dessen Inhalt
  2. Lesung Kap. 3 Communio, Kindheit Teil 1 oder Teil 2
  3. Lesung Kap 7 Theorie und Praxis, Student
  4. Lesung Kap 7 Theorie und Praxis, Assistent
  5. Lesung Kap 11 Das Weib und der Ingenieur
  6. Lesung Kap 14 Tote brauchen keinen Himmel, Rentner Prost als Patient in einer Klinik in Halle,

Anschließend Buchverkauf mit und ohne Signierung:

Das neue Buch:

‚Ein Mensch 08-15?  kostet  16,99 €

Buchtipp 67: Thees Uhlmann, ‚Sophia, der Tod und ich‘

Rezension

zum 2015 erschienenen Roman von Thees Uhlmann, ‚Sophia, der Tod und ich‘

Inhalt:

Vor der Tür des Erzählers steht ein Mann, der ihm ähnlichsieht und behauptet, er sei der Tod und wolle ihn mitnehmen. Er habe noch ungefähr drei Minuten zu leben. Da dessen Exfreundin dazwischen kommt, beginnt ein spektakulärer Roadtrip. Gemeinsam mit seiner Exfreundin Sophia und dem Tod macht sich der Erzähler auf den Weg zu seiner Mutter und zu seinem sieben Jahre alten Sohn, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, dem er aber Tag für Tag eine Postkarte schreibt.

Autor:

Thees Uhlmann, geboren 1974 in Hemmoor bei Cuxhaven, ist Musiker und Autor. Mit seiner Band Tomte und als Solokünstler feiert er große Erfolge, sein neues Album erscheint im Januar 2018. ‚Sophia, der Tod und ich‘ ist sein erster Roman. Uhlmanns Debüt begeisterte Kritik und Publikum, wurde fürs Theater adaptiert, ins Niederländische und Französische übersetzt und wird demnächst fürs Kino verfilmt. Thees Uhlmann arbeitet an seinem zweiten Roman.

Kritik: Ein Gespräch mit dem Tod als humorvoll-nachdenkliche Anregung.

Ein Buch, das mich nach langer Zeit, wieder fesseln konnte.

Ich hätte gern noch weitergelesen, aber leider hat das Buch nur 318 Seiten. Klug vom Autor, nicht in Schwafelei zu verfallen.

Das Buch regte mich zu individuellen Gedanken an, nicht ohne Freude und Lust, sogar über den eigenen Tod nachzudenken.

Die Mehrzahl der handelnden Personen haben einen guten, menschlichen Charakter. Sogar der Tod ist sympathisch. Das finde ich auch richtig, denn er gehört eben zum Leben dazu, auch wenn er es beendet.

Wilhelm Busch sagt dazu: ‚Kein Leugnen hilft, kein Widerstreben, wir müssen sterben, weil wir leben.‘

Ich kann und will über die Story auch nicht lange lamentieren, es ist einfach ein gutes Buch, das man lesen und genießen sollte.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Der Tod begleitet ungewollt, sein Opfer durch dessen letzte Lebensstationen.

Bewertung: 4

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Nur der Tod ist fiktiv, fast alles andere reale Handlung.

Bewertung: 4

  1. Der Stil (Faktor 1) unterscheidet sich nur unwesentlich von dem, anderer Romane, das Buch ist spannend und läßt sich gut lesen.

Bewertung: 4

  1. Recherchen (Faktor 0,5): sind nicht maßgebend, aber okay.

Bewertung: 3

  1. Die Handlungsorte (Faktor 0,5) sind ausreichend glaubhaft beschrieben.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Regt Eltern zum Nachdenken über ihre Haltung zu Kindern an und den einzelnen Menschen dazu, über sein Leben und Sterben nachzudenken.

Bewertung: 4

Summe der Bewertung: 4

 

De omnibus dubitare.

Nachfolgendes ist ein Auszug aus Balladus 2. der Messwartengeschichten mit dem Titel ‚Alltagswahnsinn.‘

Kapitel: 36 – De omnibus dubitare

Es war am 25. Mai 1995, als ich folgenden Anruf erhielt.

„Warum haltet ihr die TRK-Werte für V in eurem Labor nicht ein?“

Prost dachte bei diesen Worten aus dem Mund von Dr. Fleischmann, dass er sich verhört haben müsste. Wechselte den Telefonhörer von der linken in die rechte Hand und fragte verständnislos, „was meinst du damit ‚ihr haltet die TRK-Werte nicht ein’, Jürgen?“

Es folgte eine kurze Pause. Dann sagte der gegenwärtige Leiter der PLAST-Anlage, „stimmt das denn nicht? Gerade hat mir Löwe gesagt, dass er von Büttelfor persönlich diese Information bekommen habe.“

„Entschuldige Jürgen, aber ich muss dich noch einmal fragen, welche Information hat Löwe bekommen?“

Wieder herrschte eine kurze Pause.

„Ihr arbeitet in eurem Labor doch mit V?“

„Na klar! Das weißt du doch. Schließlich machen wir auch V-Analysen für euch.“

„Gut, gut, Thomas, aber was macht ihr denn mit dem V, nachdem die Analysen durchgeführt worden sind? Offensichtlich gibt es da doch Emissionen und die führen zu Überschreitungen der Grenzwerte im Labor.“

„Jetzt rieche ich langsam den Braten. Es geht um Emissionsüberschreitungen im Labor.“

Fleischmann räusperte sich. „Also doch. Die Information stimmt demnach?“

„Ja. Die Information stimmt. Wir überschreiten die TRK-Werte für V im Labor, weil unsere Abzüge nicht mehr richtig arbeiten, beziehungsweise die Gebläse zu klein ausgelegt …“

„Und warum tut ihr nichts dagegen?!“, unterbrach Fleischmann zornig.

„Nun halt aber mal die Luft an, Jürgen! Wieso spielst du dich eigentlich so auf? Schon, dass Löwe über dich diese Kritik an mich weitergibt, ärgert mich, aber geradezu wütend macht mich, dass der erste Mann von Büttelfor, der Dr. Barmer, die Schuld daran trägt, dass wir noch keine neuen Abzüge haben.“ Prost schwieg einen Moment, atmete tief durch, und als sein Gesprächspartner ebenfalls schwieg, wahrscheinlich hatte es ihm die Sprache verschlagen, fuhr er fort, „und damit du gleich Bescheid weißt. Das habe ich schriftlich.“

Fleischmann war im Jahr 1995 an die Stelle von Direktor Tiefsee getreten, aber ohne dessen Funktion zu übernehmen. Er war Leiter der PLAST-Anlage und sollte, quasi als Obmann, im Auftrag von Löwe, der von der OPA kam und gerade dabei war sich in LUNA zu akklimatisieren, auch für B und V wirken.

Der Norddeutsche Büttelfor, etwa 10 Jahre älter als Prost, war von der OPA als Sicherheitschef in LUNA eingesetzt worden. Weil die Sicherheitsabteilung noch über viel Personal verfügte, obwohl seit der Wende auch in diesem Bereich Arbeitskräfte abgebaut worden waren, gab es immer noch genug Mitarbeiter, die für ihn die Arbeit machen konnten und er hatte Zeit zum Philosophieren. Ab und zu legten ihm seine Inspektoren Ergebnisse ihrer Kontrollen vor und dann wurde der Sicherheitschef aktiv. Wie in diesem Falle mit den Protokollen der TRK-Überschreitungen im V-Labor. Büttelfor genoss es, seinem wesentlich jüngeren OPA-Kollegen Löwe, einen Schuss vor den Bug zu setzen und sich selbst als den Schutzengel aller LUNA-Kollegen feiern zu lassen. Er ahnte nicht, dass der Schuss heute, nach hinten losgehen würde.

„Weißt du was, Jürgen. Ich rufe jetzt sofort den Büttel an. Oder besser noch, ich fahre gleich zu ihm vor und knalle ihm den Brief auf den Tisch, in dem Dr. Barmer das Geld für die Beschaffung der neuen Abzüge ablehnt.“

Prost hörte ein lautes Schnaufen auf der anderen Seite des Telefons und kurz darauf Fleischmanns erregte Stimme, „bist du verrückt geworden, Thomas! Das machst du nicht!“

Prost lachte grob. „Und ob ich das mache! Diesen OPA-Großklappen würde ich am liebsten eins auf die Schnauze hauen. Aber mach dir keine Sorgen, dich halte ich da natürlich raus und Tschüss.“

Prost legte auf.

Nach dem Brief musste er nicht lange suchen.

Er überflog ihn noch einmal.

 

  1. 5. 1994

Sehr geehrter Herr Dr. Prost!

 

Wir danken Ihnen für ihr Schreiben vom 21. Januar 1994.

Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Antrag bezüglich der Genehmigung von finanziellen Mitteln zur Beschaffung neuer Gebläse für die Abzüge im V-Labor abgelehnt werden muss.

Die Überschreitung der Werte betrifft nur wenige Personen. Diese können ihre Arbeit unter Atemschutzmasken ausführen.

Wie ich mich überzeugen konnte, erhalten ihre Laborantinnen alle einen Zuschlag für Arbeiten mit gesundheitsgefährdenden Stoffen.

Außerdem sind die Überschreitungen relativ gering, sodass kaum eine Gefährdung besteht.

Die schwierige finanzielle Situation des Unternehmens verlangt von uns, die zur Verfügung stehenden Mittel an Schwerpunkten einzusetzen. Ich bitte sie dafür um Verständnis.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Dr. Wolfgang Barmer

Leiter der Sicherheitsabteilung

 

„Du sollst mich kennenlernen, Büttelfür, oder wie du auch heißen magst“, murmelte Prost und klatschte in die Hände. Aber nur wenig später stutze er, weil ihm klar wurde, dass er diesen Mann doch noch gar nicht kannte.

‚Das ist nicht klug, Prost’, dachte er und überlegte.

Dann griff er zum Telefon und wählte Löwes Telefonnummer.

„Tut, tut, tut.“

Der Anschluss war besetzt. Prost wartete nicht lange, wählte noch einmal, der Ruf ging raus und schon meldete sich Löwe.

„Komm her, Thomas, ich weiß schon Bescheid“, tönte es aus dem Hörer.

Prost war nur kurz perplex. „Bin schon unterwegs.“

Fleischmann hatte durch Prosts Ankündigung einen Heidenschreck bekommen und daraufhin sofort Löwe angerufen. ‚Deshalb war da also besetzt’, dachte Prost, schnappte seinen Brief und machte sich auf den Weg.

Die Sekretärin Ute Messing winkte Prost nur kurz zu, zeigte auf die offene Tür zu Löwes Büro, der Mann stürmte hinein und knallte seinem Chef den Brief auf den Tisch. Der freute sich über das Temperament seines Mitarbeiters, nahm das Papier und zeigte auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. In fünf Sekunden hatte er das Schreiben überflogen und sah grinsend zu Prost. „Da hat sich der große Philosoph Büttelfor wohl einen Bären aufbinden lassen, was?“

„Oder einen Zarathustra“, schlug Prost vor.

Löwe lachte laut. „Das ist gut. Da hat ihm sein Zarathustra einen Bumerang ins Ohr geflüstert.“

Immer noch lachend griff Löwe zum Telefon, wählte eine Nummer, wartete und meldete sich. „Löwe, du hast mich gestern angezählt, Heimeram, weil im V-Labor die TRK-Werte überschritten werden …“

Löwe schwieg einen Moment, scheinbar hatte ihn sein Gesprächspartner unterbrochen.

„Sachte, sachte Heimeram, weißt du eigentlich auch, dass du Schuld daran hast?“

Löwe sah zu Prost, hielt die Sprechmuschel zu und sagte, „noch lacht er.“

Dann sprach er ins Telefon, „wer hat dir denn die TRK-Liste vorgelegt?“

Löwe lauschte. „So, so. Dann höre mal gut zu. Ich zitiere aus einem Schreiben, das dein Dr. Barmer vor einem Jahr an Prost geschickt hat: ‚… die Genehmigung von finanziellen Mitteln zur Beschaffung neuer Gebläse für das V-Labor abgelehnt werden muss.’ Als Begründung schreibt er unter anderem: ‚… Außerdem sind die Überschreitungen relativ gering, sodass kaum eine Gefährdung besteht’. Heimeram, wenn du mit mir über den Begriff Wahrheit philosophieren willst, dann lass uns doch einfach mal zusammen schön essen gehen. Dazu musst du doch nicht meine Leute mit Beschuldigungen belasten, deren Ursache deine Leute gelegt haben.“

Wieder hielt Löwe die Hand auf das Mikrofon und sah zu Prost. „Jetzt herrscht großes Schweigen. Das will bei Büttelfor einiges bedeuten.“

Er hörte wieder ins Telefon. „Gut, das werde ich ihm ausrichten.“

Löwe wandte sich Prost zu und sagte, ohne das Mikrofon abzuschirmen, „du sollst um 14 Uhr zu Büttelfor kommen, wenn deine Zeit es erlaubt. Erlaubt sie es?“

Prost nickte und Löwe sprach wieder in den Hörer, „er hat genickt, aber er sieht immer noch sehr grimmig aus.“

Lachend legte Löwe den Telefonhörer zurück auf die Gabel.

„Na dann. Kann ich den Brief behalten?“

„Na klar, ich habe noch das Original. Machs gut, Willi.“

Prost verließ Löwes Büro. Jetzt ging er noch kurz auf Ute Messing zu und wechselte ein paar Worte mit ihr.

Pünktlich um 14 Uhr meldete sich Prost bei Büttelfors Sekretärin, die sofort ihren Chef verständigte. Nur Sekunden später sprang die Seitentür auf und ein kleiner, relativ schlanker älterer Herr mit ein wenig geröteten Wangen betrat das Sekretariat und ging auf den Anlagenleiter zu.

„Herr Dr. Prost, das ist aber schön, dass sie sich so schnell Zeit nehmen konnten meiner Einladung Folge zu leisten. Bitte kommen sie doch weiter.“ Er drückte seinem Besucher die Hand und zeigte dann zur Tür, die zu seinem Büro führte.

Prost nahm nach der Begrüßung seinen Helm ab, betrat das große, aber schlichte Zimmer. An den mächtigen Schreibtisch, der quer zu den beiden Fenstern des Raumes stand, schloss sich ein Konferenztisch mit zehn Stühlen an.

Zu diesem Tisch zeigte Büttelfor. „Bitte nehmen sie doch Platz.“

Prost zog den erstbesten Stuhl aus der Reihe heraus, legte seinen Helm auf den Tisch und setzte sich.

Der Sicherheitschef nahm ihm gegenüber Platz.

Büttelfor versuchte in Prosts Gesicht zu lesen und begann langsam zu sprechen, „sie stehen ja jetzt vor großen Ereignissen. Das wird sie viel Kraft kosten.“

„Deshalb haben sie mir wohl vors Schienbein getreten? Kleiner Härtetest, was?“

Büttelfor lachte freundlich und verständnisvoll. „Ich habe auch als Betriebsleiter gearbeitet. Ich weiß, wovon ich rede.“

„Umso mehr wundere ich mich über ihre Aktion gegen das Personal unserer Anlage und damit natürlich auch gegen meine Person. Das kostet mich zusätzlich Nerven und Kraft. Worin liegt dann ihr Verständnis?“

Büttelfor, der zwischendurch ein ernstes Gesicht gemacht hatte, antwortete wieder lächelnd, „‚in Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid’ (43).“

„Da könnte Schopenhauer recht haben, aber es heißt auch: ‚Gott ist widerlegt, der Teufel nicht’ (44).“

„Ein Ostdeutscher, der Schopenhauer und Nietzsche kennt? Erstaunlich.“

„Die Wende liegt bereits fünf Jahre zurück und mit Philosophie haben wir uns auch zu DDR Zeiten beschäftigt. Vielleicht sogar mit für den Menschen wichtigeren Themen?“

„‚Ein Gespenst geht um in Europa …‘ (45). Aber ist das nicht zu einseitig? Nur mit Marx, Engels – und Lenin?“

„Es geht gleich im ersten Kapitel des Manifestes weiter: ‚Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen’ (46). Ist das einseitig im Sinne von falsch? Goethe hat das für das Leben des Einzelnen doch so ähnlich formuliert: ‚Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss’ (47).“

Büttelfor wiegte seinen Kopf nachdenklich hin und her. „‚De omnibus dubitare‘ (48).“

‚Wie wahr‘, dachte Prost und konnte sich nicht verkneifen zu antworten, „‚dubium sapientiae initium‘ (49).“

„‚Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn’ (50). Sie sind wohl die Verkörperung dieses Spruchs.“ Nach kurzem Schweigen fügt er noch hinzu, „sie fühlen sich also ungerecht behandelt Herr Dr. Prost?“

Der Ingenieur sah seinem Gegenüber in die Augen. „Ich fühle mich verarscht von Ihnen, Herr Büttelfor. Sie wissen, dass ihre Leute das Geld für die Abzüge in unserem Labor abgelehnt haben. Jetzt schießen sie mich an und das nicht einmal direkt, sondern über meinen neuen Chef, weil wir die TRK-Grenzwerte für V im Labor überschreiten. Können sich Sicherheitsleute eigentlich alles erlauben?“

Büttelfors Gesichtsausdruck wurde frostig. „Sie wissen schon, dass das vor meiner Zeit war. Selbstverständlich werden wir ihnen jetzt helfen, damit sie …“

„Entschuldigen Sie, dass ich sie unterbreche, aber diese Hilfe ist jetzt nicht mehr nötig. Im Zusammenhang mit dem Um- und Neubau der C-V-Anlage werden auch einige Maßnahmen zur Verbesserung des Umwelt- und des Gesundheitsschutzes realisiert. Dazu gehören natürlich auch neue Laborabzüge sowie eine völlig neue Entsorgung der Abgase und Reststoffe aus dem Labor.“

Büttelfor zwang sich zu einem Lächeln. „Das ist ja wunderbar. Aber was machen sie bis dahin?“

„Am 1.7. wird die gesamte Anlage abgestellt. Dann gibt es keine Emissionen mehr und bis dahin sind es nur noch sechs Wochen. Der gesamte Plan liegt ihrer Sicherheitsabteilung seit zwei Jahren vor.“

Büttelfor konnte nur noch mit Mühe seinen inneren Ärger verbergen. „Das weiß ich schon …“

‚Nichts hast du gewusst‘, dachte Prost,

„… wenn sie sich früher bei mir gemeldet hätten, dann hätte ich ihnen schon eher helfen können.“

Prost dachte, ‚hätte der Hund nicht geschissen’ und antwortete laut, „ja, das ist mein Fehler. Daran habe ich nicht gedacht, entschuldigen sie.“

Büttelfor, der sehr froh über diese unerwartete Wendung war, sagte geradezu aufgeräumt, „auf alle Fälle werde ich mich jetzt persönlich um den Umbau bei ihnen kümmern. Es soll keinerlei Abstriche bei Arbeitsschutz- und Sicherheitseinrichtungen in ihrer Anlage geben. Dafür verbürge ich mich.“

„Das freut mich sehr und ist auch beruhigend für uns alle im C-V-Geschäft, Herr Büttelfor.“

Der Sicherheitschef stand auf. „Es hat mich gefreut, einen so kompetenten Fachmann, kennengelernt zu haben, Dr. Prost. Richten Sie ihrer Belegschaft Grüße von mir aus.“

Prost war ebenfalls aufgestanden. „Danke für das Kompliment.“ Er grinste. „De omnibus dubitare.“ Und wieder ernst. „Die Grüße werde ich natürlich ausrichten.“

Büttelfor lachte wie befreit auf. „Manchmal ist es eben auch die Wahrheit. Ich denke, dass sie das wissen. Auf Wiedersehen.“

Prost hob noch einmal kurz die rechte Hand und verließ den Raum.

Die Sekretärin, die das befreiende Lachen ihres Chefs mit Freude registriert hatte, winkte Prost ebenfalls zu, als der schnellen Schrittes ihr Büro durchquerte.

  1. Juni 2002

„Das war ja ganz schön kühn von dir damals“, sagte Bauer, nachdem Prost seine Erzählung beendet hatte, und fuhr grinsend fort, „oder sollten wir an der Richtigkeit des Berichtes zweifeln?“

Gemurmel lief durch die Reihen der Zuhörer.

Prost zeigte lachend mit einer Hand auf Bauer. „So ist es richtig! Man muss zuerst alles anzweifeln und dann eben überlegen, ob es vielleicht doch richtig sein könnte oder nicht. Was meinst du, traust du mir das zu oder nicht?“