Buchtipp 65: Stefan Ahnhem, ‚-18 grad‘

Rezension zum 2017 erschienenen Roman von Stefan Ahnhem, ‚-18 grad‘

Inhalt:

In Helsingborg an der schwedischen Westküste wird ein Auto aus dem Hafenbecken geborgen. Eigentlich wäre der Fall klar: ein Unfall. Doch bei der Obduktion stellt sich heraus, dass der Fahrer schon lange tot war, als das Auto ins Wasser stürzte. Kommissar Fabian Risk und seine Kollegen untersuchen den mysteriösen Todesfall. Jemand glaubt, den Toten erst letzte Woche gesehen zu haben. Wie ist das möglich? Risk hat einen Verdacht, aber der ist so absurd, dass er ihn zunächst selbst nicht glauben will. Die Indizien lassen nur einen Schluss zu – es handelt sich um einen Mörder, der das Leben seiner Opfer komplett übernimmt. Er tötet sie, kleidet sich wie sie, spricht wie sie. Nur durch Zufall ist die Polizei jetzt auf seine Spur gekommen. Der Tote im Hafenbecken war nicht sein erstes Opfer, und noch lange nicht sein letztes …

 Kritik: Superman als Serienkiller.

Vor kurzem las ich eine Statistik, der zufolge die Dänen die glücklichsten Menschen in Europa sind. Diese Auffassung teilt der Autor offensichtlich ganz und gar nicht und vielleicht schreibt er und viele andere seiner Kollegen so viel, brutal und sadistisch über Mord und Totschlag, so dass es einen schon gruselt, wenn man nur an die Nordländer denkt.

Der Serientäter in Ahnhems Buch ist (angelehnt an amerikanische Fernsehserien) superschlau, saugerissenen und wohl mit allen Wassern gewaschen,  sodass er die gesamte Mordkommission (ca. 5 Polizisten), den ziemlich guten Pathologen und die sorgfältig arbeitende Spurensicherung übertölpeln kann.

Allerdings stellt die Polizei sich wirklich saudumm an. Wegen Eheproblemen können gleich 2 Ermittler nicht konzentriert arbeiten, und dazu zählt ausgerechnet die Chefin des Teams, die sich ständig bis zur Besinnungslosigkeit besäuft.

Die im Roman auch aktiven dänischen Polizisten, die allerdings mit einem anderen Fall beschäftigt sind, arbeiten weniger im Team, als auf eigene Faust. Deshalb nehmen sie Urlaub und ermitteln ohne Wissen des Chefs, der wiederum bekämpft  diese Alleingänger mit allen Mitteln ohne Rücksicht auf die laufenden, und an sich vielversprechenden Ermittlungen.

Es wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben, warum derart viele Leser so begeistert sind von Totschlag, Mord, Grausamkeiten, Vergewaltigungen und Sadismus jedweder Art.

Dennoch, weil der Stil sehr gut ist, und ich nichts anderes zur Hand hatte, konnte ich trotz der mir unsympathischen Thematik, das Buch sehr gut lesen.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Die fragwürdige Geschichte eines superschlauen Serienkillers.

Bewertung: 2

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Ein (oder mehrere?) Serienkiller mordet und eine Polizeikommission ermittelt.

Bewertung: 2

  1. Der Stil (Faktor 1) ist sehr gut, denn trotz der grausigen, unsympathischen Thematik, konnte ich das Buch sehr gut lesen.

Bewertung: 4

  1. Recherchen (Faktor 0,5): entsprechen dem üblichen Ramen, wie bei anderen Krimis.

Bewertung: 3

  1. Die Handlungsorte (Faktor 0,5) sind glaubhaft beschrieben.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die schwedische Polizei sollte ihre Verbrecher resozialisieren und als Ermittler einsetzen, dann haben die anderen Gauner keine Chance mehr.

Bewertung: 1

Summe der Bewertung: 2

 

Buchtipp 56: S. Ludwig, ‚Zorn Wie du mir‘

Die Rezension zum 2016 erschienenen Roman ‚Zorn – Wie du mir‘ von Stephan Ludwig

Inhalt:

Hauptkommissar Claudius Zorn kann es nicht fassen, als er am Morgen seines fünfundvierzigsten Geburtstags neben Staatsanwältin Frieda Borck aufwacht. Wie, bitteschön, konnte das passieren? Auf dem Präsidium kommt es fortan zu peinlichen Zusammentreffen der beiden, und zwischendurch wartet Zorn wie ein liebeskranker Teenager darauf, dass die Staatsanwältin auf seine SMS antwortet. Doch eigentlich hat Zorn noch ein viel gravierenderes Problem: Schröder und er ermitteln in einem neuen Fall, die Leiche eines jungen Mannes wurde an einen Baum gefesselt am Flussufer gefunden. In seinem Oberschenkel steckt ein Zimmermannsnagel, ein möglicher Hinweis auf Folter. Schröder bittet Zorn, die Anruferliste auf dem Handy des Toten durchzugehen. Zorn, nicht ganz bei der Sache, kümmert sich erst viel zu spät darum. Nur, um auf etwas zu stoßen, was er lieber nie gefunden hätte. Denn der Tote hat kurz vor seiner Ermordung eine Nummer gewählt, die Zorn kennt. Und plötzlich steckt Zorn mitten in etwas drin, das ihn vor ein schier unlösbares moralisches Dilemma stellt …

Kritik: Das Genie und der Simpel.

Im Rahmen der sehr breiten Auswahl der Bücher, die ich lese, bin ich dabei seit Mitte Dezember vorigen Jahres bis heute, Mitte Januar 2017 mit dem 6. Zorn von Stephan Ludwig auf den 3. Roman (von insgesamt 12) gestoßen, in dem ein Genie die Hauptrolle spielt. Diesmal ist einer der beiden Toten das Superhirn. Ist das nicht schon in sich ein Widerspruch? Davon abgesehen, dass es ja eigentlich unmöglich ist von einem, wenn vielleicht auch hochbegabtem, Autor, Genialität mit seinem Text zum Ausdruck zu bringen. Aus meiner Sicht hat Ludwig diesen Antagonismus zwar nicht genial, aber pfiffig genutzt. Überhaupt hat mich dieses 6. Buch widererwarten angenehm überrascht, weil der Autor auf die detaillierte Beschreibung sadistischer Handlungen fast vollständig verzichtet hat. Dafür hat er sich den 2 männlichen Hauptpersonen intensiver gewidmet. Trotzdem bleibt die Darstellung von Claudius Zorn dennoch sehr widersprüchlich, aber die Proportionen zwischen den beiden Polizisten stimmen dieses mal. So vereint Zorn fast alle negativen Charaktereigenschaften in sich, während Schröder der fleißige Ermittler, geniale Denker und inzwischen auch der Chef von den beiden ist.

Eigenartig fand ich dennoch, dass Zorn sich seinem 2-jährigen Sohn gegenüber wie dessen übervorsichtige Großtante benimmt. Dieser Eindruck wird beim gemeinsamen Rummelbesuch (der 2-jährige, Zorn und Schröder) unterstrichen und doch nennt der Autor dieses Verhalten von Zorn, dass der so den Boss mimte?

Zorns älterer, reicher, erfolgreicher Bruder nennt den kleinen Kommissar einen Versager. Dieser, heute so viel gebrauchter Ausdruck, klingt ziemlich dumm. Früher hat schon mal der eine zum anderen in der emotionalen Erregung gesagt: Du bist ein A(rsch)! Und die Antwort lautete: danke gleichfalls. Ich finde das trifft es besser, weil der Ausdruck zwar beleidigend (was bezweckt war), aber nicht gleichzeitig diskriminierend ist.

Weitere Beispiele für Zorns widersprüchliches Verhalten sind z. B. S.205, wo der Autor seinen Helden sagen lässt: „Denken ist für mich genauso anstrengend wie Bierkästen schleppen.“ Und beides könne er nicht!

Oder S. 207: Zorn kann auch nicht die Batterien einer Fernbedienung wechseln ohne sich die Finger zu brechen.

Oder S. 253: Und richtig fühlen kann er auch nicht. Dabei ist dieses Fühlen doch eigentlich ein Instinkt (die Fähigkeit etwas gefühlsmäßig zu erfassen) und der funktioniert nicht bei Zorn?

Trotz der Kritik konnte ich das Buch gut lesen, ohne mich zu ärgern und auch das Rätseln über die halleschen Handlungsorte machte mir Spaß.

Wenn man will, kann man auch eine vorsichtige Kritik an skrupellosen Unternehmern und korrupten Politikern herauslesen.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): ein tödlicher Verkehrsunfall und ein exzentrischer Mord beschäftigen die beiden sehr unterschiedlichen Ermittler Schröder und Zorn in ihrem 6. gemeinsamen Fall.

Bewertung: 4

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Weil das Mordopfer ein Supergenie ist, gestalten sich die Ermittlungen schwer und dauern länger als erwartet.

Bewertung: 3

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut, aber manchmal auch ein wenig langweilig, wegen der teilweise sehr detaillierten Beschreibung der speziellen Charaktere der zwei Polizisten.

Bewertung: 3

  1. Handlungsorte sind ausreichend beschrieben, für Hallenser vermutlich bewusst etwas verschlüsselt.

Bewertung: 4

  1. Subjektiver Eindruck des Rezensenten (Faktor 1, betrifft Humor, politische Richtung, Spaß oder Ärger beim Lesen, die Zeit vergeht nicht) Die Story ist auch für Gegner der ausführlichen Beschreibung von Grausamkeiten und Sadismus gut lesbar, weil der Autor darauf fast vollständig verzichtet hat.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die vorsichtige Kritik an skrupellosen Unternehmern und korrupten Politikern hält sich in Grenzen.

Bewertung: 3

Gesamtbewertung: 3

 

Buchtipp 55: Marc Elsberg,’Helix‘

Die Rezension zum 2016 erschienenen Roman ‚Helix – Sie werden uns ersetzen‘ von Marc Elsberg

Inhalt:

Der US-Außenminister stirbt bei einem Staatsbesuch in München. Während der Obduktion wird auf seinem Herzen ein seltsames Zeichen gefunden – von Bakterien verursacht? In Brasilien, Tansania und Indien entdecken Mitarbeiter eines internationalen Chemiekonzerns Nutzpflanzen und -tiere, die es eigentlich nicht geben kann. Zur gleichen Zeit wenden sich Helen und Greg, ein Paar Ende dreißig, die auf natürlichem Weg keine Kinder zeugen können, an eine Kinderwunschklinik in Kalifornien. Der Arzt macht ihnen Hoffnung, erklärt sogar, er könne die genetischen Anlagen ihres Kindes deutlich verbessern. Er erzählt ihnen von einem – noch inoffiziellen – privaten Forschungsprogramm, das bereits an die hundert solcher »sonderbegabter« Kinder hervorgebracht hat, und natürlich wollen Helen und Greg ihrem Kind die besten Voraussetzungen mitgeben, oder? Doch dann verschwindet eines dieser Kinder, und alles deutet auf einen Zusammenhang mit sonderbaren Ereignissen hin – nicht nur in München, sondern überall auf der Welt …

Kritik:300 Prozent (Profit) und es existiert kein Verbrechen, das es (das Kapital) nicht riskiert …*)

Unternehmer versuchen mit den neuesten Forschungsergebnissen, auch mit Verstößen gegen bestehendes Recht und illegaler Vorgehensweise, ihren Profit um ein Vielfaches zu steigern. Der Präsident der waffenstrotzenden Supermacht, des Quasi-Polizeistaats USA, hat öffentlich den Krieg gegen Terroristen erklärt und verfolgt diese legal und illegal in allen Ländern. Amerika erwartet von seinen Kriegsgegnern ständig Terroranschläge, in der vorliegenden Story einen mit genmanipulierten Viren. Die Ermittlungen laufen unter strengster Geheimhaltung, damit die Menschen auf keinen Fall erfahren, wie sie bespitzelt, ausgetrickst und hintergangen werden.

Nur ein paar Jahre auf dem Gebiet der Gentechnik vorausgedacht, verknüpft mit der zwar noch versteckten, aber bereits real vorhandenen Macht kleiner Klicken von Superreichen, können schneller als erwartet Horrorvorstellungen der Menschen wahr werden: Sie (wer auch immer das sein wird) – werden – uns (den biologisch natürlich-normal gezeugten und aufgewachsenen Menschen) – ersetzen.

Wie bei Elsberg immer, lässt sich auch dieses Buch gut lesen, es ist spannend, trotz der teilweise sehr detaillierten Beschreibung der speziellen Gentechnik und der Arbeit der USA-Geheimdienste, der Polizei und sonstigen Sicherheitsbehörden.

Die Story wirkt beängstigend, weil fast jeder Leser sie in der Realität nachvollziehen kann. Die Gefahr liegt nicht in der Erforschung und Anwendung der Gentechnik, sondern darin, wie die von den Medien manipulierten Menschen und vom Geld abhängigen Politiker damit umgehen.

Die Verurteilung der verantwortungslosen Handlungsweise der Unternehmer durch den Autor ist deutlich, während er seine Kritik am Verhalten der US-Administration nur sehr vorsichtig formuliert.

Wir Menschen können auf keinen Fall sagen, dass wir diese Entwicklung nicht ahnen konnten, dass wir nicht gewusst haben, dass Unternehmer für Profit alles tun würden, denn das hat Marx mit seiner Schrift „Das Kapital“ bereits Ende des 19. Jahrhunderts glasklar formuliert und mit einem Zitat von P.J. Dunning (1860, s. Fußnote) auch für jeden verständlich formuliert. Das ist auch der einzige wesentliche Grund, weshalb Politiker und Medien in den westlichen kapitalistischen Ländern alles schlechtmachen und bekämpfen, was irgendwie an den Grundfesten dieses Systems rütteln könnte. Dazu dienen auch die Stasivorwürfe gegen unbeliebte, vorrangig politisch linksstehende Menschen, die Parole ‚die DDR war ein Unrechtsstaat‘ und anderes mehr, was in der Summe den Kommunismus zu einem Schreckgespenst für die Menschheit macht. Vor nicht ganz 100 Jahren, etwa 1930, kurz vor der Errichtung der faschistischen Diktatur, sahen viele Menschen das ganz anders, wie es Brecht in einem kleinen Gedicht formuliert hat: „…Die Ausbeuter nennen ihn (den Kommunismus) ein Verbrechen. Wir aber wissen: Er ist das Ende der Verbrechen. Er ist keine Tollheit, sondern das Ende der Tollheit. Er ist nicht das Chaos, sondern die Ordnung. Er ist das Einfache das schwer zu machen ist.“**)

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Die Supermacht USA ermittelt unter strengster Geheimhaltung gegen Wissenschaftler von Firmen, die sich mit illegaler Forschung auf dem Gebiet der Gentechnik beschäftigen und gegen Menschen, die bereits mit speziellen Genomen gezeugt worden sind.

Bewertung: 5

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Nur ein paar Jahre auf dem Gebiet der Gentechnik vorausgedacht, verknüpft mit der zwar noch versteckten, aber bereits real vorhandenen Macht der Superreichen, können schneller als erwartet Horrorvorstellungen der Menschen wahr werden: Sie – werden – uns – ersetzen.

Bewertung: 5

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut und nie langweilig, trotz der teilweise sehr detaillierten Beschreibung der speziellen Gentechnik und der sehr ausführlichen Arbeit der USA-Geheimdienste und Sicherheitsbehörden.

Bewertung: 4

  1. Handlungsorte sind ausreichend beschrieben, und insgesamt auch glaubhaft.

Bewertung: 4

  1. Subjektiver Eindruck des Rezensenten (Faktor 1, betrifft Humor, politische Richtung, Spaß oder Ärger beim Lesen, die Zeit vergeht nicht) Die Story wirkt beängstigend, weil fast jeder Leser sie in der Realität nachvollziehen kann. Die Gefahr liegt nicht in der Gentechnik, sondern darin, wie die von den Medien manipulierten Menschen und vom Geld abhängigen Politiker damit umgehen.

Bewertung: 5

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die vorsichtige Kritik des Autors ist gegen die von Milliardären beherrschte Supermacht USA und – schon etwas deutlicher – gegen die verantwortungslose Handlungsweise der Unternehmer gerichtet.

Bewertung: 4

Gesamtbewertung: 4

*) „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“ (Fußnote Seite 451 in Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie; in Karl Marx, Friedrich Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden; Dietz Verlag Berlin 1973

**) Brecht Gedicht ‚Lob des Kommunismus‘, vor 1933 verfasst; s. B. B. Gesammelte Werke 9; Gedichte 2, S. 463; (werkausgabe edition suhrkamp SV); Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 1967

Buchtipp 54: H. Eckert ‚Wolfsspinne‘

Rezension zum 2016 erschienenen Roman ‚Wolfsspinne‘ von Horst Eckert

Inhalt:

Eisenach, 2011: Zwei Männer liegen tot in ihrem Wohnmobil. Sie waren Teil eines rechtsextremistischen Terror-Trios, das Deutschland Jahre lang unerkannt in Angst und Schrecken versetzt hat.

Aber was passierte wirklich? Ein Mann hat den „Nationalistischen Untergrund“ für den Verfassungsschutz beobachtet. Er kennt die Wahrheit. Doch er muss schweigen.

Jahre später ermittelt der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih im Mordfall der Promiwirtin Melli Franck. Die Spur führt ins Drogenmilieu. Aber als weitere Morde geschehen, stößt Vincent auf eine Fährte, die in die Vergangenheit weist: zur „Aktion Wolfsspinne“, die eng mit dem NSU verknüpft ist…

Kritik: Der Schoß ist fruchtbarer, als je zuvor! *)

Eine bedrückende Thematik.  Das wird denjenigen Lesern noch deutlicher vor Augen treten, die auch die Romane von Volker Kutscher lesen, der in seinen Büchern von Kriminalfällen erzählt, die vor der Machtübernahme durch die Faschisten in Deutschland 1933, angesiedelt sind. Eckert zeigt auf, dass insbesondere die Geheimdienste nicht nur von rechten Kräften unterwandert sind, sondern schon von Grund auf eine undemokratische, reaktionäre, dem Einfluss rechter, zur Diktatur neigender Strömungen sehr offene Haltung, bevorzugen. Die sogenannten V-Leute kann rechts gerichtete Politik zudem wunderbar nutzen, um sich verdeckt oder geschickt getarnt, in undemokratische politische Vorgänge, in neofaschistische Bewegungen einzubringen. Im vorliegenden Kriminalfall werden die Ermittlungen der Polizei durch derartige Kräfte in den Führungspositionen von Polizei und Politik nicht nur behindert, sondern deren Aufklärung fast komplett verhindert.

Wenn man Eckerts Buch liest und sich gleichzeitig die reale gegenwärtige Welt vor Augen hält, dann scheint der Erfolg einer rechten Diktatur nicht mehr weit entfernt zu sein.

Die Medien bestimmen weitestgehend die politische Meinung in Deutschland. Wie kommt es also, dass derart viele Menschen sich einer rechten Bewegung, wie der AfD anschließen können? Der extremen rechten Politik, in Form des Faschismus, werden Millionen Tote im 2. Weltkrieg verziehen, aber den negativen (diktatorischen) Begleiterscheinungen der an sich menschenfreundlichen (keine Ausbeutung, keine Kriege) sozialistischen Realität nichts? Damit hält man den schärfsten Gegner des Neofaschismus so klein, dass er fast machtlos und damit unwirksam ist. Alle anderen Gegner rechtsgerichteter Politik sind leider zu sehr zersplittert und keiner gemeinsamen Handlung fähig.

Ich verstehe Eckerts Buch als ein Plädoyer für ein gemeinsames Handeln gegen rechts!

 

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Die Jagd nach neofaschistischen Vielfach-Mördern und die Behinderung der Jagd durch Sympathieträger für rechte Politik in den Staatsorganen.

Bewertung: 5

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Die Basis für den Thriller: Die Attentate des nationalsozialistischen Untergrunds – NSU.

Bewertung: 5

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut, wenn auch mitunter etwas langeilig durch die zu detaillierte Beschreibung der Polizeiarbeit.

Bewertung: 4

  1. Handlungsorte sind ausreichend beschrieben, und insgesamt auch glaubhaft.

Bewertung: 4

  1. Subjektiver Eindruck des Rezensenten (Faktor 1, betrifft Humor, politische Richtung, Spaß oder Ärger beim Lesen, die Zeit vergeht nicht) Die Story liest sich beängstigend, weil fast jeder Leser sie in der Realität spüren und nachvollziehen kann. Die Gefahr einer faschistischen Diktatur in Deutschland ist noch realistischer geworden, weil die AfD das Sprungbrett für eine Machtübernahme sein könnte.

Bewertung: 5

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die Kritik des Autors ist gegen die eher wohlwollende, als bekämpfende Politik der Regierenden gegen Neofaschismus, Rechtsextremismus und -radikalismus gewandt.

Bewertung: 5

Gesamtbewertung: 5

 

*) „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Zitat aus dem Theaterstück ‚Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui‘ von B-Brecht.

Buchtipp 53: E. Herrmann ‚Die Mühle‘

Rezension zum 2016 erschienenen Roman ‚Die Mühle‘ von Elisabeth Herrmann

Inhalt:

Die Kings und Queens der coolen Clique aus der Schulzeit sind wenig begeistert, als die 2 Klassen jüngere Lana statt ihres siebten Mitglieds bei ihrem Treffen auftaucht. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse. Der Trip führt die Clique in eine alte abgelegene Mühle in den Bergen, umgeben von Wildnis. Alles hier scheint für sie vorbereitet zu sein. Nur wer hat eigentlich die Einladungen verschickt? Wer begrüßt sie mit schriftlichen Botschaften, hat seltsame Spiele für sie organisiert? Als der erste der Freunde verschwindet, bricht Panik in der Gruppe aus …

Kritik: Die 8. Todsünde der Kleinbürger?

Die unterhaltsam geschriebene Story entpuppt sich im Kern leider zum Schluss als eins der vielen heutzutage gängigen, zumindest was das Motiv anbetrifft, Krimiklischees.

Die Kritik am kleinbürgerlich-spießigen Verhalten der scheinbar coolen Gruppe von schönen, jungen Frauen und Männern ist zwar ein gutes Anliegen, aber so, ohne Ausnahme, geschrieben, stößt mich der Roman doch eher ab.

Die alle, bis auf die Erzählerin – die ja auch nicht direkt zu der Gruppe gehört – in ziemlichen Superlativen beschriebenen Hauptpersonen, werden nicht nur auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, sondern ausnahmslos alle, charakterlich total demontiert. Dabei wird Lana als Kollateralschaden problemlos eingeplant und – letztendlich – auch hingenommen.

Die Story liest sich gut, solange man nicht weiß, worauf das Ganze hinausläuft.

Ich hätte mir eine mehr augenzwinkernde Auflösung gewünscht, und nicht ein derart, sich den Bestsellerquoten unterwerfendes, klischeehaftes Finale der Story.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Das Treffen einer Schulclique bestehend aus 3 schönen und jungen Mädchen und der gleichen Anzahl genauso cooler Männer auf anonyme Einladung, verläuft anders als erwartet.

Bewertung: 3

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Ein Ausflug, der in der Frage mündet: Wer ist der heimliche, mysteriöse, unheimliche, furchterzeugende Gastgeber?

Bewertung: 3

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut, und wie immer bei Herrmann, wird die Story spannend erzählt.

Bewertung: 4

  1. Handlungsorte sind ausreichend beschrieben, und insgesamt auch weitestgehend glaubhaft.

Bewertung: 3

  1. Subjektiver Eindruck des Rezensenten (Faktor 1, betrifft Humor, politische Richtung, Spaß oder Ärger beim Lesen, die Zeit vergeht nicht) Die Story liest sich gut, aber ich hätte mir eine mehr augenzwinkernde Auflösung gewünscht, als eine derart klischeehafte.

Bewertung: 2

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die Kritik beschränkt sich auf das überhebliche Gehabe einer jugendlichen Clique, das nicht zwingend zu einem solchen Drama führen muss. Letztendlich wird dadurch jeder Charakter der handelnden Personen des Romans beschädigt. Dadurch wird auch dieses Buch drastisch abgewertet.

Bewertung: 2

Bewertung: 3

Buchtipp 1: Dave Eggers, Der Circle

Der Roman ‚Der Circle‘  von Dave Eggers

Inhalt: Mae Holland wird von dem Internetkonzern „The Circle“ angeheuert. Ziel des Unternehmens ist, durch vollkommene Transparenz ein neues Zeitalter einzuläuten. E-Mails, Social Media, Bankdaten, Einkaufsverhalten werden vernetzt und zu einer Online-Identität verdichtet. Mae kann es kaum fassen: Sie darf für den einflussreichsten Konzern der Welt arbeiten! Doch was genau ist ihre Rolle? Dieses Buch beginnt als faszinierende Geschichte einer ehrgeizigen jungen Frau, wird jedoch bald zu einem spannenden Thriller, der Fragen nach Privatsphäre, Demokratie und den Grenzen menschlichen Wissens aufwirft.

Kritik: Überholen ohne Einzuholen? von Anni Kloß

Leser, die in der DDR aufgewachsen sind oder zeitweilig dort gelebt haben, werden sich vielleicht an die Parteiparole ‚Überholen ohne einzuholen‘ erinnern. Die meisten haben darüber nur gelacht, weil der Spruch nicht nur total unlogisch klingt, sondern auch mit der Bedeutung, den kapitalistischen Westen wirtschaftlich innerhalb sehr kurzer Zeit zu überholen (ohne einzuholen), vollkommen absurd erschien, denn die reale Gegenwart sprach zu sehr gegen dieses ehrgeizige Ziel. Bereits am ziemlich langweiligen Anfang des Romans fielen mir bestimmte Ähnlichkeiten zur DDR-Vergangenheit auf. Die ständigen Wiederholungen von Formulierungen, wie auf Seite 38: ‚Alles lieben Annie‘, erinnerten mich an den Stasichef Mielke. Was hat dieser Mann zur Wendezeit vor den Medien verkündet? ‚Ich liebe euch alle!‘ Bei der Beschreibung der überfreundlichen, super-schlauen, sau-fleißigen Beschäftigten des Circle viel mir sofort eine Schneeballfirma mit Sitz in den USA ein, die sich in gleicher Weise präsentiert, mit dem Ziel, Menschen durch den Kauf von total überteuerten Nahrungsergänzungsmitteln, abzuzocken. Doch am meisten war ich verblüfft, als mir beim Lesen des Buchs von Eggers, Parallelen zum utopischen Kommunismus auffielen und genau dieser oben zitierte Spruch mir in den Kopf kam. Als ich nur wenig später herausfand, dass die Hauptperson Mae, keine hochwissenschaftliche Arbeit, sondern die Aufgabe hat, Kunden zu betreuen, also ein Auftrag ähnlich einem Callcenter, hätte ich das Buch beinahe in die Ecke gefeuert. Insbesondere die Aufforderung, dass der Besteller den Bearbeiter sofort benoten soll, berührte mich sehr unangenehm, denn im Internet nervt mich schon heute jede Forderung nach einem Feedback, weil ich da erst recht das Gefühle habe, nur einen Automatismus zu befriedigen. Zum Glück tat ich das nicht, sondern las weiter, obwohl die Informationsflut in Form von Zings, Feeds, E-Mails u. a. m., die Eggert auf etlichen Seiten anhäuft, mich ziemlich abstießen, denn mir wurde klar, dass ich, um das alles zu verarbeiten, die gesamte freie Zeit meines restlichen Lebens dafür benötigen würde. Allerdings weiß ich wohl, dass man auf diese Informationen auch sehr gut verzichten kann. Nicht verzichten kann man auf die tiefgründige Hinterfragung der existierenden und der anzustrebenden demokratischen Staatsform, was Eggers aus meiner Sicht auf hohem Niveau und mit den Möglichkeiten der neuen Social Medien im 2. Teil seines Buchs, auf spannende und unterhaltsame Art und Weise tut. In nachfolgender Tabelle habe ich das Wichtigste zusammengefasst:

Circle-These (s. Seite 346) Antithese (s. Seite 550)
Geheimnisse sind Lügen Wir müssen alle das Recht auf Anonymität haben Wir müssen alle das Recht haben zu verschwinden.
Teilen ist heilen Die ständige Jagd nach Daten, um den Wert eines jeden Vorhabens zu quantifizieren ist katastrophal für wahres Verständnis. Nicht jede menschliche Aktivität ist messbar
Alles private ist Diebstahl Die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem muss unüberwindlich bleiben

Und genau das ist die Thematik über die sehr viele Menschen, so auch ich, angestrengt nachdenken, versuchen die richtigen Thesen zu formulieren und verzweifelt nach den wesentlichen, praktisch durchführbaren modernen Mitteln zu suchen, um unseren verkorksten westlichen Demokratien, die bald (vielleicht schon heute) keine mehr sind, im Interesse der Menschheit, aus der Krise zu helfen.

Bewertung:

Um mich selbst zu einer einigermaßen realistischen Beurteilung zu zwingen und um nicht zu subjektiv zu urteilen, ziehe ich nachfolgende Kriterien heran, die ich einzeln bewerte und aus deren Summe ich die Note ermittle.

  1. Inhalt, Story: Der Roman ist nicht immer interessant und unterhaltsam gestaltet, weil bestimmte Passagen mit gleichem Inhalt vom Autor zu sehr ausgewalzt werden. Die könnten zwar überblättert werden, aber dann muss man sehr aufpassen, dass der Beginn der wichtigen Passagen nicht übersehen wird. Außerdem empfinde ich viele Passagen als philosophischen Sadismus, z. B. das Gespräch von Mae mit einem der drei Weisen(!), auf den Seiten 316ff. Und das tut weh. Muss man sich das antun?

Bewertung: 3

  1. Der Sachverhalt hat einen frappierenden Bezug zur Realität. Der demokratische Staat wird kritisch hinterfragt. Die Behandlung dieser Thematik erscheint mir sehr wertvoll.

Bewertung: 5

  1. Der Stil ist flüssig, aber manchmal auch ein wenig langweilig.

Bewertung: 3

  1. Die Recherchen sind sehr gut, die Nachprüfbarkeit ist mit den zum Teil angeführten sozialen Netzwerken, wie Facebook, Twitter und Google gegeben. Der Autor weiß wovon er schreibt.

Bewertung: 5

  1. Die Handlungsorte sind ausreichend gut beschrieben. Vielleicht bis auf die großartigen Firmengebäude (wohl von Eggers wegen der wissenschaftlichen Bedeutung als Campus bezeichnet) mit den modernsten Arbeitsplätzen, deren Räume teilweise mit vielen, vielen Büchern ausgestattet sind? – Aber das alles hat in diesem Roman auch keine so große Bedeutung.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen: Die Thesen und Antithesen zur Thematik Demokratie ist gleichzeitig Kritik und Hinweis für weiteres Handeln.Bewertung: 5Summe Bewertung: 4