Buchtipp 65: Stefan Ahnhem, ‚-18 grad‘

Rezension zum 2017 erschienenen Roman von Stefan Ahnhem, ‚-18 grad‘

Inhalt:

In Helsingborg an der schwedischen Westküste wird ein Auto aus dem Hafenbecken geborgen. Eigentlich wäre der Fall klar: ein Unfall. Doch bei der Obduktion stellt sich heraus, dass der Fahrer schon lange tot war, als das Auto ins Wasser stürzte. Kommissar Fabian Risk und seine Kollegen untersuchen den mysteriösen Todesfall. Jemand glaubt, den Toten erst letzte Woche gesehen zu haben. Wie ist das möglich? Risk hat einen Verdacht, aber der ist so absurd, dass er ihn zunächst selbst nicht glauben will. Die Indizien lassen nur einen Schluss zu – es handelt sich um einen Mörder, der das Leben seiner Opfer komplett übernimmt. Er tötet sie, kleidet sich wie sie, spricht wie sie. Nur durch Zufall ist die Polizei jetzt auf seine Spur gekommen. Der Tote im Hafenbecken war nicht sein erstes Opfer, und noch lange nicht sein letztes …

 Kritik: Superman als Serienkiller.

Vor kurzem las ich eine Statistik, der zufolge die Dänen die glücklichsten Menschen in Europa sind. Diese Auffassung teilt der Autor offensichtlich ganz und gar nicht und vielleicht schreibt er und viele andere seiner Kollegen so viel, brutal und sadistisch über Mord und Totschlag, so dass es einen schon gruselt, wenn man nur an die Nordländer denkt.

Der Serientäter in Ahnhems Buch ist (angelehnt an amerikanische Fernsehserien) superschlau, saugerissenen und wohl mit allen Wassern gewaschen,  sodass er die gesamte Mordkommission (ca. 5 Polizisten), den ziemlich guten Pathologen und die sorgfältig arbeitende Spurensicherung übertölpeln kann.

Allerdings stellt die Polizei sich wirklich saudumm an. Wegen Eheproblemen können gleich 2 Ermittler nicht konzentriert arbeiten, und dazu zählt ausgerechnet die Chefin des Teams, die sich ständig bis zur Besinnungslosigkeit besäuft.

Die im Roman auch aktiven dänischen Polizisten, die allerdings mit einem anderen Fall beschäftigt sind, arbeiten weniger im Team, als auf eigene Faust. Deshalb nehmen sie Urlaub und ermitteln ohne Wissen des Chefs, der wiederum bekämpft  diese Alleingänger mit allen Mitteln ohne Rücksicht auf die laufenden, und an sich vielversprechenden Ermittlungen.

Es wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben, warum derart viele Leser so begeistert sind von Totschlag, Mord, Grausamkeiten, Vergewaltigungen und Sadismus jedweder Art.

Dennoch, weil der Stil sehr gut ist, und ich nichts anderes zur Hand hatte, konnte ich trotz der mir unsympathischen Thematik, das Buch sehr gut lesen.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Die fragwürdige Geschichte eines superschlauen Serienkillers.

Bewertung: 2

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Ein (oder mehrere?) Serienkiller mordet und eine Polizeikommission ermittelt.

Bewertung: 2

  1. Der Stil (Faktor 1) ist sehr gut, denn trotz der grausigen, unsympathischen Thematik, konnte ich das Buch sehr gut lesen.

Bewertung: 4

  1. Recherchen (Faktor 0,5): entsprechen dem üblichen Ramen, wie bei anderen Krimis.

Bewertung: 3

  1. Die Handlungsorte (Faktor 0,5) sind glaubhaft beschrieben.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die schwedische Polizei sollte ihre Verbrecher resozialisieren und als Ermittler einsetzen, dann haben die anderen Gauner keine Chance mehr.

Bewertung: 1

Summe der Bewertung: 2

 

Buchtipp 59: Frank Goyke, ‚Altweibersommer‘

Rezension zum 2015 erschienen Roman ‚Altweibersommer‘ von Frank Goyke

Inhalt:

Theodor und Emilie Fontane sind im September 1873 auf dem Weg nach Gut Wustrau. Während sich beide über den Ruppiner See rudern lassen, ertönt in der Stille des Spätsommertages ein Schuss. Hat die Jagdsaison begonnen? Beim Souper ereilt Graf von Zieten-Schwerin die Nachricht, dass im Forst von Altfriesack ein Toter liegt im Abendanzug, die Pistole neben sich. Es ist der in den Gründerjahren zu Reichtum gekommene Baulöwe Schwartz aus Berlin. Fontane zweifelt an der Selbstmordthese des märkischen Amtsgerichtsrats und beginnt, sehr zum Leidwesen Emilies, selbst zu ermitteln.

Kritik: Ohne Pathologie kein Kriminalfall

Eine interessante, wenn auch keine neue Idee, die Kriminalstory in eine andere Zeit zu verlegen, und dort einen bekannten Schriftsteller als Ermittler wirken zu lassen. Deshalb war es für den Autor nahe liegend, den Begründer der modernen Pathologie, Rudolf Virchow, maßgeblich in die Lösung des Falls mit einzubeziehen. Das Bild, das der Autor von dieser Zeit, um 1870, entwirft, wirkt realistisch und wird neuerdings durch den Fernsehfilm Charité sehr gut ergänzt.

Am Anfang fiel mir das Lesen des Romans etwas schwer, weil mir die Geschichte langweilig vorkam, aber nach und nach wurde die Story interessanter, und das Lesen machte wieder Freude.

Im Gegensatz zur erwähnten Fernsehserie, vermeidet Goyke weitestgehend Kritik an den Ungerechtigkeiten der Zeit. Er beschreibt die Situation, wie sie damals war, aber er will mit seinem Roman wohl vor allen Dingen unterhalten.

 Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Die Story lebt sowohl von der bekannten Hauptperson Fontane sowie dem, die moderne Pathologie begründenden, Rudolf Virchow und der interessanten historischen Zeit um 1870 in Berlin und die Mark Brandenburg. Dahinein ist der Kriminalfall eingebettet.

Bewertung: 3

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Der Schriftsteller Fontane klärt gemeinsam mit einem preußischen Kriminalinspektor einen Mord auf.

Bewertung: 3

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut, anfangs etwas langweilig, aber dann immer flüssiger und interessanter werdend.

Bewertung: 3

  1. Recherchen (Faktor 0,5) müssen sehr intensiv gewesen sein und rufen keinen Widerspruch beim Leser hervor.

Bewertung: 4

  1. Die Handlungsorte (Faktor 0,5) sind glaubhaft beschrieben und werden durch die aktuelle Fernsehserie ‚Charité‘ bildhaft ergänzt.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Im Gegensatz zur erwähnten Fernsehserie, vermeidet Goyke weitestgehend Kritik an den Ungerechtigkeiten der Zeit. Er beschreibt die Situation, wie sie damals war, aber er will mit seinem Roman wohl vor allen Dingen unterhalten.

Bewertung: 2

Summe der Bewertung: 3

Buchtipp 57: V. Kutscher, ‚Lunapark‘

Rezension zum 2016 erschienen Roman ‚Lunapark‘ von Volker Kutscher

Inhalt:

Berlin, Ende Mai 1934. Die anfängliche Begeisterung für die Regierung Hitler schwindet, die unberechenbare SA macht vielen Bürgern Angst. Und Gereon Rath gerät bei seinen aktuellen Ermittlungen ausgerechnet mit den Braunhemden aneinander.

Unter der Eisenbahnbrücke an der Liesenstraße, unter einer unvollendeten kommunistischen Parole, liegt ein SA-Mann, der scheinbar erschlagen wurde, tatsächlich aber an einem Glasauge erstickt ist. Am Tatort trifft Kommissar Rath auf seinen früheren Kollegen Reinhold Gräf, der nun für die Geheime Staatspolizei arbeitet. Während Gräf von einem politischen Mord ausgeht, ermittelt Rath in eine andere Richtung und entdeckt Verbindungen zum zerschlagenen Ringverein »Nordpiraten«, der seine kriminellen Aktivitäten als SA-Sturm getarnt fortsetzt.

Die politische Lage wird immer brisanter, Raths Frau Charly gerät in SA-Haft, und der Kommissar wird in einen Strudel sich überschlagender Ereignisse gezogen, an deren Ende er sogar einen unmissverständlichen Mordauftrag erhält. Wird er ihn ausführen?

Kritik: Der – aufhaltsame – Aufstieg …

‚Lunapark‘ ist die Fortsetzung von ‚Märzgefallene‘.

Diesen Roman von Kutscher habe ich mit besonderem Interesse erwartet und gelesen, denn vielleicht steht uns mit der neuen rechten Massenbewegung der AfD ein neues 1933 bevor?

Es ist doch bedrückend, wie die Hauptpersonen in den Kutscherromanen sich winden müssen, um nicht Opfer des Systems zu werden. Und das bereits im Jahr 1934! Wenn der Autor vorhat, noch weitere Romane in dieser Zeit folgen zu lassen, wie will er das wohl anstellen, ohne dass seine Helden entweder eingesperrt, gefoltert, getötet oder von Helden zu Angepassten, Mitläufern oder gar Karrieristen werden?

Man denkt automatisch darüber nach, wie es wohl aussehen könnte, wenn die AfD ans Ruder kommen würde. Und das könnte vor allen Dingen auch deshalb klappen, weil es ja keine Kommunisten mehr gibt und damit deren stärkster Gegner fehlt. Der Kapitalismus hat mit hervorragender Hilfe der, Personenkult liebenden, kommunistischen Führer ihren einzigen Gegner beseitigt oder doch zumindest so weit zersplittert, dass eine echte Gefahr von links für die reichen Lenker der Politik, nicht mehr droht. Diese Strippenzieher hinter den Kulissen werden von den meisten Medien als Idole, Superstars oder schlechthin als Vorbilder dargestellt. Sie nehmen dabei billigend in Kauf, dass sich eine faschistische Bewegung viel schneller wieder breitmachen und dann sogar die politische Macht übernehmen kann.

Deutschland steht politisch am rechten Rand, auch wenn fast alle – Politiker, Medien, Parteien (abgesehen von der Linken) – das Gegenteil behaupten.

Und doch ist dieser Aufstieg des Faschismus aufhaltbar, wenn sich die gewöhnlichen Menschen gegen diese Gefahr verbünden.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Interessanter, spannend erzählter Kriminalfall, der im Jahr des sogenannten Röhm Putsches 1934 spielt.

Bewertung: 4

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Die Jagd nach dem oder den Mördern soll durch die Kriminalpolizei zusammen mit der von den Faschisten neu geschaffenen Staatspolizei erfolgen. Das kann kaum gutgehen.

Bewertung: 5

  1. Der Stil (Faktor 1) ist flüssig, wie immer bei Kutscher, spannend, aufwühlend und streckenweise brutal, aber die Philosophie stimmt.

Bewertung: 4

  1. Recherchen (Faktor 0,5) rufen keinen Widerspruch beim Leser hervor.

Bewertung: 3

  1. Die Handlungsorte (Faktor 0,5) sind glaubhaft beschrieben.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die Handlung, 1 Jahr nach der faschistischen Machtergreifung spielend, wirkt geradezu gruselig, wenn man an die gegenwärtigen rechtsgerichteten Formatierungen denkt. Auch im gegenwärtigen Deutschland ist eine Verdammung der Kommunisten wichtiger, als der Kampf gegen den wieder erstarkenden Faschismus. Deutschland steht politisch am rechten Rand, auch wenn fast alle – Politiker, Medien, Parteien (abgesehen von der Linken) – das Gegenteil behaupten!

Bewertung: 4

Summe der Bewertung: 4

 

 

Buchtipp 56: S. Ludwig, ‚Zorn Wie du mir‘

Die Rezension zum 2016 erschienenen Roman ‚Zorn – Wie du mir‘ von Stephan Ludwig

Inhalt:

Hauptkommissar Claudius Zorn kann es nicht fassen, als er am Morgen seines fünfundvierzigsten Geburtstags neben Staatsanwältin Frieda Borck aufwacht. Wie, bitteschön, konnte das passieren? Auf dem Präsidium kommt es fortan zu peinlichen Zusammentreffen der beiden, und zwischendurch wartet Zorn wie ein liebeskranker Teenager darauf, dass die Staatsanwältin auf seine SMS antwortet. Doch eigentlich hat Zorn noch ein viel gravierenderes Problem: Schröder und er ermitteln in einem neuen Fall, die Leiche eines jungen Mannes wurde an einen Baum gefesselt am Flussufer gefunden. In seinem Oberschenkel steckt ein Zimmermannsnagel, ein möglicher Hinweis auf Folter. Schröder bittet Zorn, die Anruferliste auf dem Handy des Toten durchzugehen. Zorn, nicht ganz bei der Sache, kümmert sich erst viel zu spät darum. Nur, um auf etwas zu stoßen, was er lieber nie gefunden hätte. Denn der Tote hat kurz vor seiner Ermordung eine Nummer gewählt, die Zorn kennt. Und plötzlich steckt Zorn mitten in etwas drin, das ihn vor ein schier unlösbares moralisches Dilemma stellt …

Kritik: Das Genie und der Simpel.

Im Rahmen der sehr breiten Auswahl der Bücher, die ich lese, bin ich dabei seit Mitte Dezember vorigen Jahres bis heute, Mitte Januar 2017 mit dem 6. Zorn von Stephan Ludwig auf den 3. Roman (von insgesamt 12) gestoßen, in dem ein Genie die Hauptrolle spielt. Diesmal ist einer der beiden Toten das Superhirn. Ist das nicht schon in sich ein Widerspruch? Davon abgesehen, dass es ja eigentlich unmöglich ist von einem, wenn vielleicht auch hochbegabtem, Autor, Genialität mit seinem Text zum Ausdruck zu bringen. Aus meiner Sicht hat Ludwig diesen Antagonismus zwar nicht genial, aber pfiffig genutzt. Überhaupt hat mich dieses 6. Buch widererwarten angenehm überrascht, weil der Autor auf die detaillierte Beschreibung sadistischer Handlungen fast vollständig verzichtet hat. Dafür hat er sich den 2 männlichen Hauptpersonen intensiver gewidmet. Trotzdem bleibt die Darstellung von Claudius Zorn dennoch sehr widersprüchlich, aber die Proportionen zwischen den beiden Polizisten stimmen dieses mal. So vereint Zorn fast alle negativen Charaktereigenschaften in sich, während Schröder der fleißige Ermittler, geniale Denker und inzwischen auch der Chef von den beiden ist.

Eigenartig fand ich dennoch, dass Zorn sich seinem 2-jährigen Sohn gegenüber wie dessen übervorsichtige Großtante benimmt. Dieser Eindruck wird beim gemeinsamen Rummelbesuch (der 2-jährige, Zorn und Schröder) unterstrichen und doch nennt der Autor dieses Verhalten von Zorn, dass der so den Boss mimte?

Zorns älterer, reicher, erfolgreicher Bruder nennt den kleinen Kommissar einen Versager. Dieser, heute so viel gebrauchter Ausdruck, klingt ziemlich dumm. Früher hat schon mal der eine zum anderen in der emotionalen Erregung gesagt: Du bist ein A(rsch)! Und die Antwort lautete: danke gleichfalls. Ich finde das trifft es besser, weil der Ausdruck zwar beleidigend (was bezweckt war), aber nicht gleichzeitig diskriminierend ist.

Weitere Beispiele für Zorns widersprüchliches Verhalten sind z. B. S.205, wo der Autor seinen Helden sagen lässt: „Denken ist für mich genauso anstrengend wie Bierkästen schleppen.“ Und beides könne er nicht!

Oder S. 207: Zorn kann auch nicht die Batterien einer Fernbedienung wechseln ohne sich die Finger zu brechen.

Oder S. 253: Und richtig fühlen kann er auch nicht. Dabei ist dieses Fühlen doch eigentlich ein Instinkt (die Fähigkeit etwas gefühlsmäßig zu erfassen) und der funktioniert nicht bei Zorn?

Trotz der Kritik konnte ich das Buch gut lesen, ohne mich zu ärgern und auch das Rätseln über die halleschen Handlungsorte machte mir Spaß.

Wenn man will, kann man auch eine vorsichtige Kritik an skrupellosen Unternehmern und korrupten Politikern herauslesen.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): ein tödlicher Verkehrsunfall und ein exzentrischer Mord beschäftigen die beiden sehr unterschiedlichen Ermittler Schröder und Zorn in ihrem 6. gemeinsamen Fall.

Bewertung: 4

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Weil das Mordopfer ein Supergenie ist, gestalten sich die Ermittlungen schwer und dauern länger als erwartet.

Bewertung: 3

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut, aber manchmal auch ein wenig langweilig, wegen der teilweise sehr detaillierten Beschreibung der speziellen Charaktere der zwei Polizisten.

Bewertung: 3

  1. Handlungsorte sind ausreichend beschrieben, für Hallenser vermutlich bewusst etwas verschlüsselt.

Bewertung: 4

  1. Subjektiver Eindruck des Rezensenten (Faktor 1, betrifft Humor, politische Richtung, Spaß oder Ärger beim Lesen, die Zeit vergeht nicht) Die Story ist auch für Gegner der ausführlichen Beschreibung von Grausamkeiten und Sadismus gut lesbar, weil der Autor darauf fast vollständig verzichtet hat.

Bewertung: 3

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die vorsichtige Kritik an skrupellosen Unternehmern und korrupten Politikern hält sich in Grenzen.

Bewertung: 3

Gesamtbewertung: 3

 

Buchtipp 54: H. Eckert ‚Wolfsspinne‘

Rezension zum 2016 erschienenen Roman ‚Wolfsspinne‘ von Horst Eckert

Inhalt:

Eisenach, 2011: Zwei Männer liegen tot in ihrem Wohnmobil. Sie waren Teil eines rechtsextremistischen Terror-Trios, das Deutschland Jahre lang unerkannt in Angst und Schrecken versetzt hat.

Aber was passierte wirklich? Ein Mann hat den „Nationalistischen Untergrund“ für den Verfassungsschutz beobachtet. Er kennt die Wahrheit. Doch er muss schweigen.

Jahre später ermittelt der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih im Mordfall der Promiwirtin Melli Franck. Die Spur führt ins Drogenmilieu. Aber als weitere Morde geschehen, stößt Vincent auf eine Fährte, die in die Vergangenheit weist: zur „Aktion Wolfsspinne“, die eng mit dem NSU verknüpft ist…

Kritik: Der Schoß ist fruchtbarer, als je zuvor! *)

Eine bedrückende Thematik.  Das wird denjenigen Lesern noch deutlicher vor Augen treten, die auch die Romane von Volker Kutscher lesen, der in seinen Büchern von Kriminalfällen erzählt, die vor der Machtübernahme durch die Faschisten in Deutschland 1933, angesiedelt sind. Eckert zeigt auf, dass insbesondere die Geheimdienste nicht nur von rechten Kräften unterwandert sind, sondern schon von Grund auf eine undemokratische, reaktionäre, dem Einfluss rechter, zur Diktatur neigender Strömungen sehr offene Haltung, bevorzugen. Die sogenannten V-Leute kann rechts gerichtete Politik zudem wunderbar nutzen, um sich verdeckt oder geschickt getarnt, in undemokratische politische Vorgänge, in neofaschistische Bewegungen einzubringen. Im vorliegenden Kriminalfall werden die Ermittlungen der Polizei durch derartige Kräfte in den Führungspositionen von Polizei und Politik nicht nur behindert, sondern deren Aufklärung fast komplett verhindert.

Wenn man Eckerts Buch liest und sich gleichzeitig die reale gegenwärtige Welt vor Augen hält, dann scheint der Erfolg einer rechten Diktatur nicht mehr weit entfernt zu sein.

Die Medien bestimmen weitestgehend die politische Meinung in Deutschland. Wie kommt es also, dass derart viele Menschen sich einer rechten Bewegung, wie der AfD anschließen können? Der extremen rechten Politik, in Form des Faschismus, werden Millionen Tote im 2. Weltkrieg verziehen, aber den negativen (diktatorischen) Begleiterscheinungen der an sich menschenfreundlichen (keine Ausbeutung, keine Kriege) sozialistischen Realität nichts? Damit hält man den schärfsten Gegner des Neofaschismus so klein, dass er fast machtlos und damit unwirksam ist. Alle anderen Gegner rechtsgerichteter Politik sind leider zu sehr zersplittert und keiner gemeinsamen Handlung fähig.

Ich verstehe Eckerts Buch als ein Plädoyer für ein gemeinsames Handeln gegen rechts!

 

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Die Jagd nach neofaschistischen Vielfach-Mördern und die Behinderung der Jagd durch Sympathieträger für rechte Politik in den Staatsorganen.

Bewertung: 5

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Die Basis für den Thriller: Die Attentate des nationalsozialistischen Untergrunds – NSU.

Bewertung: 5

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut, wenn auch mitunter etwas langeilig durch die zu detaillierte Beschreibung der Polizeiarbeit.

Bewertung: 4

  1. Handlungsorte sind ausreichend beschrieben, und insgesamt auch glaubhaft.

Bewertung: 4

  1. Subjektiver Eindruck des Rezensenten (Faktor 1, betrifft Humor, politische Richtung, Spaß oder Ärger beim Lesen, die Zeit vergeht nicht) Die Story liest sich beängstigend, weil fast jeder Leser sie in der Realität spüren und nachvollziehen kann. Die Gefahr einer faschistischen Diktatur in Deutschland ist noch realistischer geworden, weil die AfD das Sprungbrett für eine Machtübernahme sein könnte.

Bewertung: 5

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die Kritik des Autors ist gegen die eher wohlwollende, als bekämpfende Politik der Regierenden gegen Neofaschismus, Rechtsextremismus und -radikalismus gewandt.

Bewertung: 5

Gesamtbewertung: 5

 

*) „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Zitat aus dem Theaterstück ‚Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui‘ von B-Brecht.

Buchtipp 53: E. Herrmann ‚Die Mühle‘

Rezension zum 2016 erschienenen Roman ‚Die Mühle‘ von Elisabeth Herrmann

Inhalt:

Die Kings und Queens der coolen Clique aus der Schulzeit sind wenig begeistert, als die 2 Klassen jüngere Lana statt ihres siebten Mitglieds bei ihrem Treffen auftaucht. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse. Der Trip führt die Clique in eine alte abgelegene Mühle in den Bergen, umgeben von Wildnis. Alles hier scheint für sie vorbereitet zu sein. Nur wer hat eigentlich die Einladungen verschickt? Wer begrüßt sie mit schriftlichen Botschaften, hat seltsame Spiele für sie organisiert? Als der erste der Freunde verschwindet, bricht Panik in der Gruppe aus …

Kritik: Die 8. Todsünde der Kleinbürger?

Die unterhaltsam geschriebene Story entpuppt sich im Kern leider zum Schluss als eins der vielen heutzutage gängigen, zumindest was das Motiv anbetrifft, Krimiklischees.

Die Kritik am kleinbürgerlich-spießigen Verhalten der scheinbar coolen Gruppe von schönen, jungen Frauen und Männern ist zwar ein gutes Anliegen, aber so, ohne Ausnahme, geschrieben, stößt mich der Roman doch eher ab.

Die alle, bis auf die Erzählerin – die ja auch nicht direkt zu der Gruppe gehört – in ziemlichen Superlativen beschriebenen Hauptpersonen, werden nicht nur auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, sondern ausnahmslos alle, charakterlich total demontiert. Dabei wird Lana als Kollateralschaden problemlos eingeplant und – letztendlich – auch hingenommen.

Die Story liest sich gut, solange man nicht weiß, worauf das Ganze hinausläuft.

Ich hätte mir eine mehr augenzwinkernde Auflösung gewünscht, und nicht ein derart, sich den Bestsellerquoten unterwerfendes, klischeehaftes Finale der Story.

Bewertung:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Das Treffen einer Schulclique bestehend aus 3 schönen und jungen Mädchen und der gleichen Anzahl genauso cooler Männer auf anonyme Einladung, verläuft anders als erwartet.

Bewertung: 3

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1): Ein Ausflug, der in der Frage mündet: Wer ist der heimliche, mysteriöse, unheimliche, furchterzeugende Gastgeber?

Bewertung: 3

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut, und wie immer bei Herrmann, wird die Story spannend erzählt.

Bewertung: 4

  1. Handlungsorte sind ausreichend beschrieben, und insgesamt auch weitestgehend glaubhaft.

Bewertung: 3

  1. Subjektiver Eindruck des Rezensenten (Faktor 1, betrifft Humor, politische Richtung, Spaß oder Ärger beim Lesen, die Zeit vergeht nicht) Die Story liest sich gut, aber ich hätte mir eine mehr augenzwinkernde Auflösung gewünscht, als eine derart klischeehafte.

Bewertung: 2

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Die Kritik beschränkt sich auf das überhebliche Gehabe einer jugendlichen Clique, das nicht zwingend zu einem solchen Drama führen muss. Letztendlich wird dadurch jeder Charakter der handelnden Personen des Romans beschädigt. Dadurch wird auch dieses Buch drastisch abgewertet.

Bewertung: 2

Bewertung: 3