Leseprobe

Leseprobe zu Buch 9 :

Der Sittenstrolch – von J. Körner

Es muss so Anfang bis Mitte der 80-er Jahre im Monat März gewesen sei. Eine Frauenbrigade feierte den Frauentag in der Jägerschenke im Südpark Merseburg.

Zeitgleich waren auch die Lunesen Olaf Rewe, Frank Schmuderer, Petra Vadik, meine Hündin Gundula und ich in besagter Lokalität. Wir befanden uns im Freisitz und feierten, wenn ich mich recht erinnere, einen Geburtstag.

Mein Hund durfte mit feiern. Er bekam immer mal einen Schluck Bier in einen großen Glasaschenbecher gegossen, der unter dem Tisch stand.

Wir waren alle keine heftigen Trinker. Es ging uns weniger um den Konsum von Alkohol als vielmehr um das gemütliche Beisammensein.

Genau wie die Frauenbrigade feierten wir bis zum Ende der Öffnungszeit dieser Gaststätte. Deshalb verließen wir alle fast zeitgleich das Lokal.

Wir Lunesen machten uns sehr langsam auf den Heimweg. Der Hund durfte im Südpark, fern ab von jedem Autoverkehr, natürlich ohne Leine laufen und nutzte diese Freiheit, um im Unterholz herum zu stöbern.

Kaum ein paar Minuten im Freien unterwegs, spürten die meisten einen unwiderstehlichen Harndrang. Zu unser aller Pech war die Gasstätte auch schon verschlossen.

Das betraf insbesondere die Frauen, von denen einige keinen Schritt mehr laufen konnten, bevor sie sich nicht erleichtert hätten.

Das war zum Glück wegen der späten Stunde und dem angrenzenden Wald bei Dunkelheit auch kein Problem. Unter derart günstigen Randbedingungen war im Grunde genommen jedes Gebüsch und Unterholz ausreichend ‚blickdicht.‘

Also verschwanden die Damen gemeinschaftlich im Unterholz, um ihre Blase zu erleichtern.

Ebenfalls im Unterholz war auch meine Hündin unterwegs, die das angeborene Verlangen besaß, alles mit ihrer kalten feuchten Nase zu erkunden.

Plötzlich stürzten die Frauen laut schreiend und recht notdürftig gekleidet aus dem Gebüsch und an uns vorbei in Richtung Parkausgang.

Kurz hinter ihnen kam Gundula aus dem Gebüsch.

Da wussten wir Bescheid.

Wir hätten uns vor Lachen beinahe in die Hosen gepinkelt.

Wenige Tage später veranstalteten wir eine kleine Familienfeier und wie sich herausstellte, war unter unseren Gästen auch eine junge Frau aus oben erwähnter Frauenbrigade, die ich aber in der Dunkelheit nicht erkannt hatte. Als ich von unserem Besuch in der Jägerschenke im Südpark Merseburg erzählte, schrie sie entsetzt auf.

Auf meine verwunderte Nachfrage, was an dieser Gasstätte denn auszusetzen wäre, erklärte sie immer noch mit Empörung in der Stimme, „da kriegen mich keine zehn Pferde mehr hin. Wir haben dort vor kurzen eine Frauentagsfeier gemacht. Im angrenzenden Wald treibt sich ein Sittenstrolch herum, der Frauen im Dunklen unsittlich mit seinem kalten Finger berührt!“

Während sie sich immer noch vor Abscheu schüttelte, streichelte sie den vermeintlichen Sittenstrolch und fütterte ihn mit Leckerchen.

Da war es vorbei mit meiner Beherrschung und ich lachte aus vollem Halse.

Ich glaube diese Bekannte besucht uns nie wieder.

 

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