Leseprobe zu Buch 7

Alltagswahnsinn

Oder  einem Ingeniör ist nichts zu schwör

Messwartengeschichten Teil 2

Leseprobe

Kapitel 22 – Unsterblich

Ein Menschenleben währt nicht ewig.
Wie kann man dann unsterblich sein?
Manchen macht der Glaube selig.
Andere erkennen das im Wein.

BRD, 18. September 2001

Harry Kupfer öffnete ohne zu klopfen die Tür und steckte seinen Kopf in Prosts Büro. „Ich habe gerade in der Messwarte mitbekommen, dass ein Wackler an der HCl-Kolonne dazu geführt hat, dass der V-Gehalt im HCl bei 1500 ppm liegt.“

Prost wies mit der Hand auf einen Stuhl, aber Harry schüttelte ablehnend den Kopf. „Das ist hart an der Grenze, Thomas. Ich bin mir nicht sicher, ob Ulf Walter das weiß. Zumindest saß er noch recht entspannt neben Heidi Bart vor der Prozessleitstation.“arry Kupfer öffnete ohne zu klopfen die Tür und steckte seinen Kopf in Prosts Büro. „Ich habe gerade in der Messwarte mitbekommen, dass ein Wackler an der HCl-Kolonne dazu geführt hat, dass der V-Gehalt im HCl bei 1500 ppm liegt.“

„Warum hast du ihm nicht einen Stups verpasst, Harry?“, fragte Prost, stand auf und ging zur Tür.

„Ich wollte mich nicht einmischen, weil ich ja nur noch für Anlage 2 arbeiten soll.“

Kupfer machte bereitwillig Platz, während Prost mit den Worten, „wer sagt das?“, an ihm vorbei auf den Flur trat.

„Wer schon. – Mitschke hat mich heute Morgen rüde zur Sau gemacht, weil ich mich vorige Woche zu sehr mit der Entwässerungskolonne beschäftigt habe. Woher weiß der das überhaupt?“

Prost legte seinen Arm auf Harrys Schulter. „Vergiss den Mitschke und komm mit in die Messwarte.“

Widerstrebend ging Kupfer mit.

Eigentlich freute er sich, dass er als verantwortlicher Vertreter der Produktion im Projektteam mitarbeiten durfte, aber dieser Mitschke mit seiner Wessi-Überheblichkeit kotzte ihn an. Schön war dagegen, dass Prost ihn nach wie vor auch in die Anlage 1 mit einbezog und widerspruchslos duldete, wenn er, insbesondere im Oxi-Bereich, Anweisungen gab. Dass er sich heute an den Betriebsleiter gewandt hatte, war nicht nur durch den Streit mit Mitschke verursacht, sondern auch, weil die Grenze für V im HCl gar nicht so eindeutig war. Er selbst hatte sich ja auch nicht entschließen können in der Betriebsvorschrift exakt zu formulieren: ‚Wenn der V-Gehalt im HCl 1500 ppm übersteigt, ist die Oxichlorierung abzustellen.’

Kupfer war, wie kein anderer in der Fabrik, vertraut mit diesem Anlagenteil, und sein Gefühl sagte ihm, dass bei noch höheren Werten ein ernsthafter Schaden entstehen könnte.

Als die beiden Fachleute nun die Messwarte betraten, stand Ulf Walter neben Heidi Bart und sie hörten, wie er zu ihr sagte, „siehst du, eineinhalb Tonnen Dampf und sieben Kubikmeter pro Stunde Rückflussmenge waren genau richtig. Jetzt pegelt sich alles wieder ein.“

Prost stellte sich hinter Heidi, sodass er auf ihren Bildschirm sehen konnte. „Ist der Kopf warm geworden, Frau Bart?“

Die Frau wandte sich den Ankömmlingen zu. „Das nicht, Doktor Prost, aber der Boden darunter war bis auf 0 °C angestiegen.“

„Die erste HCl-Analyse hat einen Wert von 1500 ppm V ergeben“, warf Ulf Walter schnell ein.

„Das wissen wir schon“, sagte Kupfer immer noch ärgerlich, „habt ihr noch eine HCl-Probe gezogen?“

„Ja“, meldete sich nun Timm Dachs, der heute für die Oxichlorierung zuständig war, „sie muss jeden Moment kommen. Meint ihr, dass wir den Oxi-Reaktor abstellen sollten?“

„Das wird sich gleich zeigen“, antwortete Prost und wandte sich wieder der Kollegin Bart zu, „Heidi, rufen sie doch mal den Trend der Temperaturen …“

Er sah auf ihren Bildschirm und erkannte, dass sie das schon getan hatte. „Sehr gut, da sehe ich sie ja schon. – Hm. – Da könnten wir gerade noch einmal Glück gehabt haben. Die nächste Analyse ist entscheidend. Wenn wir da nicht über 2500 ppm liegen, dann bleiben wir in Betrieb.“

„Wie kommst du jetzt auf diese Zahl, Thomas?“, fragte Kupfer.

„Die habe ich einfach so geschossen, Harry. Ich denke, dass nur ein kurzer Impuls V ins HCl gekommen sein kann. Damit wäre die Menge begrenzt, wenn die Spitze nicht zu hoch gewesen ist.“

Stefan Becker, ein groß gewachsener, athletischer junger Mann, trat näher an die Gruppe heran. „Was ist eigentlich das Problem, wenn V mit dem HCl in die Oxichlorierung gelangt?“

Stefan war gleich nach der Lehre 1996 zusammen mit John Adler und Robin Rücker in diese Anlage gekommen. Er hatte sich gegenüber zwölf anderen Mitbewerbern, für einen Platz in der V-Fabrik durchgesetzt. Er liebte die Arbeit in der Außenanlage, obwohl er sich auch gut mit dem Prozessleitsystem auskannte. Dasselbe galt auch für Robin Rücker. Im Gegensatz zu Stefan war Robin viel temperamentvoller, wozu auch sein dunkler Lockenkopf passte. Auch er hatte sich zu der Gruppe gesellt. Robin war noch ein bisschen größer als Stefan, sah nun voll Interesse auf Kupfer und Prost und wartete, wie die anderen, auf eine Antwort.

Der Oxiexperte wollte gerade den Mund aufmachen, da klingelte das Telefon.

Heidi hob sofort den Hörer ab.

„Das Labor“, flüsterte die Frau und wenig später verkündete sie laut: „2300 ppm.“

„Das hätte Stumpfberg nicht besser schätzen können.“ Walther nickte anerkennend zur Unterstützung seiner Worte. Mit skeptischem Blick zu Kupfer fragte er, „also bleiben wir drin mit der Oxi?“

„Was guckst du mich an?“, brummte Harry, „da steht doch dein Chef.“

Prost legte Harry kurz die Hand auf die Schulter.

„Jeder hier weiß, dass du, die Oxi betreffend, der uneingeschränkte Chef bist, Harry. Also bleibt Oxi in Betrieb?“

„Ich bin ja gerade deshalb vorhin zu Dir gekommen, weil wir bisher für diese Situation kein eindeutiges Kriterium für eine Entscheidung formuliert haben. So, wie du die Situation eben eingeschätzt hast, scheint es mir eine gute Empfehlung zu sein. Also bleibt Oxi in Betrieb, aber ihr holt nach zehn Minuten noch eine Probe.“

Nach kurzer Pause, niemand hatte etwas gesagt, erinnerte sich Kupfer wohl wieder an die vorhin gestellte Frage. „Die Sache mit dem V im HCl ist die …“ Kupfer drehte sich um, ging zu einer Tafel, die nur zwei Meter von den Leit-stationen entfernt an der Rückwand des Kontrollraumes hing. Alle anderen Kollegen, einschließlich Prost, scharten sich im Halbkreis um Chemiker und Tafel.

Kupfer griff sich ein Stück Kreide. „…, dass erstens die Rohre des mit Mitteldruckdampf betriebenen HCl-Vorwärmers, sich durch Koksbildung zusetzen können. Das kann deshalb passieren, weil V und HCl zuerst im Vorwärmer zu 1,1-C reagieren.“

Er schrieb die Reaktionsgleichung an die Tafel und drehte sich wieder zu den Kollegen um. „Das 1,1-C zersetzt sich und bildet Koks an der Wandung. Dieser Prozess kann sich bis zum Verteiler im Oxi Reaktor fortsetzen und diesen verstopfen. Zweitens wird die 1,1,2 Trianbildung durch die Reaktion von V mit HCl und O erhöht.“

Auch diese chemische Gleichung schrieb er an die Tafel.

„Und drittens war an dem Zusetzen der Katalysatorfüllung in der Acetylenhydrierung im vergangenen Jahr das V im HCl mit Sicherheit auch beteiligt.“

„Wow!“, brach es spontan aus Rücker heraus, „da finde ich es aber mutig, dass sie in so einer Situation Oxi in Betrieb gelassen haben, Herr Kupfer.“

Prost zeigte mit dem Finger auf den jungen Mann. „Du sagst es, Robin. Bis zu welchem Grade ist es mutig und ab wann wird es leichtfertig?“

Kupfer setzte den Gedanken fort, „genau darüber haben wir uns oft die Köpfe heiß diskutiert. Bei den ersten Inspektionen nach dem Anfahren 1996 stellten wir kaum Effekte diesbezüglich fest. Allerdings hatten wir uns auch immer an die Aussagen der Japaner gehalten. Insbesondere die, die sie hier bei uns, also in unserer Anwesenheit, gemacht haben, wenn solche Situationen eingetreten waren, wie z. B. zu viel V im HCl. Dabei stellten wir mit Erstaunen fest, dass es diesbezüglich selbst unter den Japanern unterschiedliche Auffassungen gab, was nur ganz selten der Fall war. Wir haben damals für uns registriert, dass 1500 ppm auf alle Fälle noch zu verkraften sein könnten. Das Plus-Minus muss dann unser eigenes Gefühl ergeben.“

„Danke für deine überzeugenden Erklärungen, Harry“, Prost wandte sich an die anderen Kollegen, „hat noch jemand eine Frage?“

Nach kurzem Schweigen sagte Rücker, „Dr. Prost, können wir ihnen – also – ich meine dir – mal eine Frage ganz anderer Art stellen?“

Der Anlagenleiter lachte, denn die jungen Leute hatten sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass er sie gebeten hatte, du zu ihm zu sagen, weil er das ja seinerseits mit ihnen auch tat. „Nur zu, Robin, ihr könnt mich alles fragen, das wisst ihr doch.“

„Zur Wendezeit 1989/1990 waren wir“, Rücker zeigte auf Adler und Becker, „gerade fünfzehn Jahre alt. Und die zwei“, Robin wies auf die Azubis der C-Schicht Julia Mannstein und Jan Weber, „waren gerade Jungpioniere geworden. Gestern in der Nachtschicht haben wir uns gestritten, ob denn das damals nun eine Revolution war oder nicht?“

„Wir wissen ja inzwischen“, ergänzte Becker die Erklärung, „dass sie – dass du – dich hier im Betrieb in dieser Zeit auch stark engagiert hast. Was sagst du dazu?“

„Manche reden ja auch von Konterrevolution“, warf Adler ein, bevor Prost antworten konnte.

Der Betriebsleiter sah die jungen Leute, einen nach dem anderen, aufmerksam an. „Das Letztere vertritt doch bestimmt niemand von Euch, oder?“

Während die meisten nur mit dem Kopf schüttelten, antwortete Robin für alle, „wir waren uns nur nicht einig, ob Revolution oder nicht.“

„Damit ist dein Einwurf, Jonny, denke ich, vom Tisch. Es war keine Konterrevolution. Trotzdem sind natürlich einige Dinge wieder rückgängig gemacht worden, die eigentlich einen Fortschritt darstellten, wie zum Beispiel die Enteignung der Banken, kostenlose medizinische Betreuung, ein Bildungssystem, das für alle die gleichen Möglichkeiten bot, das Recht auf Arbeit und manches andere …“

„Den im Osten erfundenen grünen Pfeil auch in den westlichen Bundesländern zu übernehmen, führte bei den Politikern zu heftigem Streit, als ob er eine sozialistische Errungenschaft gewesen wäre.“ Mit diesen Worten unterbrach Schmidt, der gerade in die Messwarte gekommen war, Prosts Erklärung und stellte sich zu den anderen Kollegen.

„Du sagst es, Franz. Das Ganze ist ein sehr interessantes Thema. Doch ich will hier niemanden von der Arbeit abhalten. Also, wen das nicht interessiert, der kann sich gern hier ausklinken.“

Prost machte eine Pause, aber niemand verließ den Kreis.

„Für mich war es eindeutig eine Revolution und zumindest die revolutionäre Situation haben wir alle auch deutlich zu spüren bekommen, stimmt’s Harry, Franz?“

Kupfer nickte nur, während Franz sofort eine Erinnerung parat hatte, „weißt du noch, Thomas, November 1989 im Bus auf der Heimfahrt?“

„Na klar, Franz, es muss der 6. November gewesen sein. Über alle Lautsprecher des Busses erklang die Reportage von der Montagsdemonstration in Leipzig. Uns ist es abwechselnd eiskalt oder siedend heiß den Rücken runter gelaufen. Es war eine Zeit, in der man Goethes Worte ‚Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betrübt’ (1), sofort verstehen konnte, ohne verliebt zu sein. Es lag etwas in der Luft, das nicht zu erklären war, und trotzdem meinte man, es zu spüren. Die Menschen erfüllte das Gefühl, vieles ändern, verändern zu können. Es schien einfach alles möglich zu sein.“

Jetzt schob sich Stefan Becker etwas nach vorn. „Herr Doktor Prost – ehm – ich meine Thomas, du hast dich kurz vor und während der Wende für Veränderungen im DDR-System eingesetzt. Du wolltest die SED auflösen und eine neue sozialistische Partei gründen. Du warst wegen dieser Aktivitäten ja auch vom Neuen Forum angesprochen und geworben worden. Eine Mitgliedschaft hast du allerdings abgelehnt, weil du anfangs glaubtest, die SED wandeln und damit, wie die Anhänger von Gorbatschow in Russland, die DDR ändern zu können. Trotzdem haben sie – hast du – nach der Wende Besuchern immer stolz vom Parteitagsobjekt Waschturm in der Rückstandsverbrennung erzählt. Widerspricht sich das nicht? Hättest du nicht eigentlich auf solche Sachen schimpfen müssen?“

Diese lange Rede, die niemand Stefan Becker zugetraut hatte, ließ eine Pause entstehen.

In die Stille hinein begann Prost, zu erzählen. „Es muss im November 1989 gewesen sein.“

DDR, 13.11.1989

Auf dem Rückweg von der Kantine zum Betrieb traf Prost auf drei Laborantinnen von der PLAST-Anlage.

Die eine, Karin Tischler, stellte sich dem Mann in den Weg und zeigte auf die Rauchfahne der Rückstandsverbrennung. „Herr Prost, wann hört ihr Betrieb mit der Umweltverschmutzung auf?“

Der Ingenieur blieb stehen und sah ebenfalls hoch zum Kamin der Rückstandsverbrennung. „Wie kommen sie darauf, dass wir mit diesem Verbrennungsgas die Umwelt verschmutzen?“

„Na, das hört man doch jetzt überall, wie in der DDR diesbezüglich geschludert wurde.“

Empörung klang in ihrer Stimme mit.

„Frau Tischler“, Prost sah der Frau in die Augen, während er mit einer Hand zur Rauchfahne zeigte, „was da oben aus dem Kamin austritt, ist vor allen Dingen Wasserdampf und CO2. Natürlich sind Spuren von HCl enthalten, aber die liegen unterhalb der gültigen Grenzwerte.“

„Ja, vielleicht bezogen auf DDR-Grenzwerte, aber wie sieht es im Vergleich mit den bundesdeutschen Gesetzen aus?“

„Die Umweltgesetze der DDR sind bezüglich der Grenzwerte von Emissionen und Immissionen identisch mit denen der BRD. Sie haben allerdings recht, dass man sich oft nicht danach gerichtet hat und das auch geduldet worden ist.“

„Sehen sie. Sie sagen es selbst.“

„Ja, aber wir haben uns darangehalten.“

Prost schob Frau Tischler, die sich das auch bereitwillig gefallen ließ, auf die Mitte der Straße und zeigte mit der Hand in Richtung Rückstandsverbrennung.

„Sehen sie dahinten auf der Ecke der Anlage die Kolonne?“

„Ja, was ist damit?“

„Das ist der Waschturm, den wir 1988 nachträglich installiert haben, damit wir die Grenzwerte einhalten können.“

„Tatsächlich? Aber wie haben sie denn das geschafft?“

Prost lachte und erklärte mit immer noch einem kleinen Lächeln auf den Lippen, „wir haben kurzerhand den Bau dieses Waschturmes zum Parteitagsobjekt ernannt und einen ordentlichen Rummel damit gemacht, sodass die übergeordneten Stellen dem Bau zustimmen mussten. Seitdem diese Kolonne arbeitet, halten wir auch die Grenzwerte ein.“

Frau Tischler sah Prost ungläubig an. „Ist diese Geschichte tatsächlich wahr?“

„Bitte kommen sie mit in die C-V-Anlage. Ich kann ihnen die Unterlagen zeigen und – sie können sich natürlich auch die Messwerte vom Abgas ansehen.“

Ihre beiden Kolleginnen, die aufmerksam alles verfolgt hatten, feixten und stichelten, „ja, ja, Karin gehe nur mit in Dr. Prosts Büro.“

Mit verlegenem Gesichtsausdruck hob die Tischler abwehrend eine Hand. „Schon gut. Natürlich glaube ich ihnen. Aber wenn ich will, dann kann ich mir die Analysen ansehen?“

„Natürlich Frau Tischler und dazu genügt es auch, wenn sie nur in unser Labor gehen.“

„Danke Herr Prost.“

Die drei Laborantinnen verschwanden, immer noch kichernd und schnatternd, in einem Gebäude der PLAST-Fabrik.

BRD, 18. September 2001

„Vielleicht versteht ihr mich jetzt.“ Prost sah wieder von einem zum anderen. „Millionen Menschen in der DDR haben fleißig gearbeitet und jetzt soll alles nur falsch und schlecht gewesen sein? Es hat mir riesige Freude bereitet, den Wessi-Besuchern, von solchen Ereignissen zu erzählen. Denn das waren ja Erfolge von uns, den normalen Menschen der DDR und nicht Erfolge von Partei und Regierung.“

Robin ging spontan auf Prost zu. „Danke für die beispielhafte Beantwortung unserer Frage. Vom Gefühl her hatten wir auch schon in diese Richtung überlegt, doch jetzt ist es klar, oder?“

Rücker sah auffordernd zu seinen Freunden und diese nickten bereitwillig.

Prost schüttelte die dargebotene Hand. „Keine Ursache, aber lasst uns nun wieder an die Arbeit gehen. Ich komme nachher noch einmal vorbei, um mich zu überzeugen, dass wir mit Oxi richtig gehandelt haben.“

Kupfer brummte noch hinter Prost hinterher, „das werden wir erst wissen, wenn wir wieder Abstellung haben.“

Der Doktor drehte sich nicht mehr um, er hob nur den Arm und schwenkte die Hand kurz hin und her, was wohl so viel heißen sollte wie: ‚Sei nicht so pessimistisch, Harry.’

Als Prost am Nachmittag wieder die Messwarte betrat, um sich zu überzeugen, dass mit der Oxichlorierung alles in Ordnung war, saßen die vier jungen Leute um Timm Dachs Leitstation herum und diskutierten heftig miteinander. Prost hörte noch, wie Timm sagte, „mein damaliger Chef Cichorie war streckenweise ein dämliches Arschloch, aber mit Sicherheit kein Wendehals.“

„Was verstehst du denn dann unter Wendehals?“, fragte Robin energisch, „er war doch im Sozialismus technischer Direktor gewesen und nach der Wende immer noch. Also musste er sich doch gewendet haben, oder?“

„Genau“, pflichtete Julia ihm bei, „das ist doch ein typischer Wendehals.“

„Ich weiß nicht, ob das so richtig ist“, sagte Jan nachdenklich, „sie haben doch nur weiter ihre fachliche Arbeit gemacht. Ja, sicher, sie mussten sich verändern oder anpassen. Das ist doch aber verständlich. Man kann das, finde ich, nicht mit dem negativ klingenden Wort Wendehals charakterisieren. – Das ist zumindest meine Meinung.“

Prost stellte sich zu der Gruppe und hörte weiter still zu, als jetzt Becker das Wort ergriff.

„Ich denke so ähnlich wie Jan, aber mir fällt auch kein richtiges Beispiel für einen Wendehals ein.“

Er wandte sich an den Betriebsleiter. „Wie ist eigentlich deine Meinung zu diesem Thema, Dr. Prost?“

„So, wie wir sie inzwischen kennen“, sagte Julia mit verschmitzter Miene, „haben sie doch bestimmt ein schönes Beispiel zur Hand oder irre ich mich?“

„Du irrst dich nicht, Julia.“ Prost lachte amüsiert.

„Doch bevor ich davon erzähle, möchte ich gern wissen, ob alles mit HCl-Kolonne und Oxi in Ordnung ist, Timm?“

„Keine Probleme mehr, Thomas, das Temperaturprofil der Kolonne ist wieder absolut stabil, stimmst Heidi?“

„Exakt. Die letzte HCl Analyse vor zehn Minuten ergab 25 ppm V. Am Oxi Reaktor selbst war weder vorher noch nachher etwas Besonderes zu beobachten.“

„Das ist ja erfreulich.“ Prost setzte sich zu den jungen Leuten.

„Kupfer würde jetzt sagen“, übernahm Timm noch einmal das Wort, „den Effekt werden wir dann zur Abstellung ja sehen.“

Prost und Dachs lachten. Auch die jungen Leute grinsten, denn sie hatten Kupfer ja am Vormittag selbst erlebt.

Stefan erinnerte an seine Frage. „Wie ist nun deine Meinung zum Thema Wendehals, Doktor?“

„Man kann Menschen schnell Unrecht tun, wenn man sie voreilig verurteilt. Das wenigste im Leben ist nur schwarz oder weiß. Im Dasein jedes Menschen gibt es falsches und richtiges Verhalten. Manchmal muss man sich erst an die Wahrheit herantasten. Vielleicht gelingt uns das mit folgendem Beispiel aus dem Jahr 1995.“

BRD, 12.4.1995

Prost kam mit seiner Bockwurst vom Tresen und suchte nach einem Platz in der mäßig besuchten Kantine. Ein grauköpfiger Mann, den er gerade vor einer Stunde kennengelernt hatte, winkte ihm zu, sich mit an seinen Tisch zu setzen.

Direktor Anton Michal von OPA Industrial aus der Schweiz, gehörte zu einer Inspektionsgruppe, die in Vorbereitung der Übernahme des LUNA-Werkes durch die französisch-amerikanische Firma, Details prüfen sollte. Vor Prosts Eintreffen hatte sich der OPA-Direktor mit dem Qualitätsbeauftragten der Direktion BVP Joachim Stein unterhalten.

Prost hörte noch, wie Michal fragte, „wie kommt es, dass der bekannte Schriftsteller Stefan Heym für die PDS in den Bundestag einziehen konnte?“

Stein, zu DDR-Zeiten sehr linientreu in hohen Parteigremien aktiv, wollte sich wohl bei dem Wessi anbiedern und antwortete, „der ist doch senil, der alte Mann.“

Prost fuhr sofort dazwischen und fauchte Stein an, „das stimmt auf gar keinen Fall, Joachim und das weißt du auch!“

Zu Michal gewandt fuhr er fort, „Stefan Heym ist ein Symbol für viele Menschen in der ehemaligen DDR. Auf alle Fälle für die, die seine Bücher gelesen haben und dazu gehöre ich auch.“

Michal wandte sich Prost vollständig zu. „Wirklich? Ist das so, Herr Dr. Prost?“

Stein stand auf und verschwand ohne ein weiteres Wort. Der Ingenieur schob seinen Teller mit der angebissenen Bockwurst und dem halben Brötchen ein Stückchen weiter auf den Tisch.

„Heym, damals noch Helmut Flieg, ist 1933 vor den Nazis geflohen. Über etliche Stationen kam er nach Amerika und wurde hier USA Bürger. 1945 marschierte er als Sergeant der amerikanischen Armee mit den Alliierten in Deutschland ein. 1952 wurde er zusammen mit Charlie Chaplin, Thomas Mann und Bertold Brecht von McCarthy aus den USA verjagt. Bereits 1956 legte er sich mit der DDR-Führung an. Er wurde aus der SED ausgeschlossen. Es folgten weitere Auseinandersetzungen, die bis zur Wende andauerten. Dann hoffte er, wie viele andere – ich auch – dass endlich ein demokratischer Sozialismus entstehen könnte. Die Diktatur wurde zwar weggefegt, aber er und mit ihm viele andere, zu denen ich ebenso gehöre, erkannten schnell, dass es keine Chance auf richtigen Sozialismus gab. Aber Heym sah auch, dass die gute Idee, mit der PDS versuchte zu überleben. Er war nie Mitglied in dieser Partei, aber seine Sympathie gehörte uneingeschränkt ihr.“

Direktor Michal hatte sehr aufmerksam zugehört. „Das ist ja eine beeindruckende Biografie. Ich verstehe ihre Bewunderung für diesen Mann und danke ihnen für ihre Offenheit, Dr. Prost. Wir sehen uns ja nachher noch einmal?“

„Ja, Herr Direktor, danke fürs Zuhören. Bis nachher.“

Prost nahm seinen Teller, biss noch einmal kräftig von Wurst und Brötchen ab, ging kauend bis zur Geschirrablage, stellte dort sein Gefäß mit den Resten ab und verließ die Kantine.

BRD, 18. September 2001

„Interessanterweise habe ich auch den Qualitätsbeauftragten des Kombinates, der nach der Wende sofort Qualitätsmanager der neuen Werkleitung geworden war, 1990 bei seiner Rede in einer Veranstaltung der neuen Herren vor Leitern der LUNA Produktionsanlagen erlebt. Wir haben alle Bauklötzer gestaunt, wie der über das Qualitätswesen aus der DDR-Zeit hergefallen ist, obwohl er doch dafür eigentlich selbst verantwortlich gewesen war. Er wollte uns klarmachen, dass wir als Betriebsleiter alles falsch gemacht hätten, weil wir uns gegen das Diktat der Partei nicht gewehrt haben und zeigte uns nun wohlwollend, wie es jetzt sein sollte. Das war für uns damals ein waschechter Wendehals. Trotzdem meine ich, dass man mit diesem Wort vorsichtig umgehen muss. Ich merke es an meiner eigenen Person, wie sehr ich mich seit der Wende verändert habe. Bin ich deshalb ein Wendehals? Für einen SED-Hardliner auf alle Fälle. Für meinen OPA-Chef Willi Löwe habe ich mich viel zu wenig geändert.“

„Ich glaube, dass wir dich verstanden haben, nicht wahr?“ Robin sah sich in der kleinen Runde um und erntete Zustimmung, „doch mir ist eben wieder eine Frage eingefallen, die mir bei deiner Erzählung am Vormittag durch den Kopf gegangen war …“

Der junge Mann zögerte.

„Sprich nur, Robin, so viel Zeit habe ich schon noch.“

„Hättest du vor der Volkskammerwahl 1990 erwartet, dass die CDU die Wahl gewinnt? Und wie hast du dann das Ergebnis empfunden?“

„Ihr, jungen Leute geht den Dingen aber wirklich auf den Grund“, sagte Prost staunend, „in der D-Schicht hatte ich mit Hanna und Lukas auch schon ein Gespräch über Wahlen und wie wichtig es ist, dass sie geheim durchgeführt werden …“

„Wir haben davon gehört“, unterbrach Stefan, „das hat uns auch ermutigt, dich so etwas zu fragen.“

„Aha, ich verstehe. Deine Frage, Robin, ist ein Punkt mit dem ich mich gedanklich auch sehr oft auseinandergesetzt habe. Anfangs, also im Januar 1990 war ich fest der Meinung, dass der Sozialismus nicht abgewählt werden würde. Doch es gab ja täglich neue Informationen über Privilegien der Machthaber, Enthüllungen über zu Unrecht verurteilte Prominente, wie Janka, Loest, Bahro und dazu noch die ersten detaillierteren Informationen über Stalins mörderischen Personenkult.“ Prost schwieg nachdenklich ein paar Sekunden, bevor er fortfuhr, „obwohl mich eigentlich das Buch über Berija, den Henker in Stalins Diensten (2), noch mehr erregt hat, weil ich von dem vorher nie etwas gehört hatte. Im Februar begriff ich, dass die Menschen so enttäuscht von den ehemaligen DDR-Herrschern waren, dass mir die Wahl völlig offen vorkam. Anfang März, also etwa zehn Tage vor der Volkskammerwahl, war ich zu einem kleinen Essen im Kreise der A-Schicht anlässlich des Betriebsjubiläums unserer Anlagenfahrerin Regina Buderus eingeladen. Es war eine kleine gemütliche Feier in Querfurt. Natürlich drehten sich die Gespräche auch viel um die bevorstehende Wahl. Ich hörte aufmerksam zu. Als ich mit meinem Trabbi nach Hause fuhr, war mir klar, dass die CDU die Wahl gewinnen würde. Fast 41 % für diese Partei überraschten mich dann aber doch etwas. Ich denke, die Menschen wollten eins vermeiden: Rumeierei. Das befürchteten sie bei der SPD. Die Ideale von einer klassenlosen Gesellschaft waren zerschlagen, jetzt wollte man wenigsten das Westgeld in die Hände bekommen und das ging am schnellsten mit der CDU.“

Prost machte eine Pause und sah in die Gesichter der jungen Leute. „Na, zufrieden mit der Antwort?“

Julia reagierte als Erste. „Danke. Das war sehr interessant. – Aber – wer war Regina Buderus?“

„Das freut mich, dass du danach fragst.“ Prost nickte Julia zu. „Diese Frau hat es verdient, sich ihrer zu erinnern.“

DDR, 15.10.1984

Regina Buderus betrat aufgeregt die Messwarte. „Verdammt! Wenn ich schon mal Außenrunde mache, Hans! Das musst du dir schnell ansehen. Mensch! Das C spritzt da vielleicht durch die Gegend, kann ich dir sagen!“

Die gut proportionierte, vollschlanke Frau mit buschigem Haar und breitem Kopf, deren Gesicht von braunen Augen mit stark bewachsenen Augenbrauen und einer kräftigen Nase geprägt wurde, war 1978 mit knapp fünfzig Jahren als erster weiblicher Anlagenfahrer in die neue C-V-Fabrik gekommen. Sie kam mit Schmidt und Müller von der alten V-Anlage.

Die Arbeit zusammen mit vielen Männern hatte sie rau gemacht. Für Thomas Prost war die Frau der typische Vertreter für weibliche Operatoren in LUNA: selbstbewusst, robust, manchmal vielleicht etwas begriffsstutzig, sehr einsatzwillig, schlagfertig gegenüber aufdringlichen Männern und generell nicht auf den Mund gefallen. Mit ihr und Prost trafen zwei Extreme aufeinander: Sie die 8-Klassenschülerin mit Kodderschnauze und er der schweigsame promovierte Diplomingenieur. Jeder hatte einen großen Abstand zwischen beiden erwartet, aber das Gegenteil war der Fall. Regina fühlte sich durch den freundlichen und respektvollen Ton von Prost angezogen und dieser spürte die Klugheit der erfahrenen Frau in den ganz normalen Lebenssituationen. Sie gehörte von Anfang an zur A-Schicht im Abschnitt V und Hans Stumpfberg war ihr Schichtleiter.

Stumpfberg sah die Buderus ein wenig spöttisch an und fragte, „wo spritzt C durch die Gegend, Regina?“

„In der Spaltung an den Luftkühlern!“, trompetete die Buderus, „du glaubst mir wohl nicht?“

„Natürlich glaube ich dir.“

Stumpfberg versuchte, das Grinsen aus seinem Gesicht zu verbannen. „Aber vielleicht ist es nicht ganz so schlimm, wie du es eben dargestellt hast?“

„Na ja, aber es tropft ganz schön“, lenkte sie ein, „ich denke schon, dass du dir das ansehen solltest“, fügte sie ruhig, aber bestimmt hinzu.

„Schon gut“, Hans setzte seinen Helm auf, „ich komme mit.“

Die beiden verließen die Messwarte.

Stumpfberg stieg nicht sofort zur Sechsmeterbühne hoch, was Regina forderte, sondern ging in die Anlagentasse, setzte seine Schutzbrille auf, um schräg nach oben zu den Luftkühlersegmenten zu sehen. Er wollte gleich prüfen, ob schon von hier aus etwas zu beobachten war, aber er bemerkte nichts und ging zum Treppenhaus, wo Regina schon auf ihn wartete.

„Hast du‘s gesehen?“

Stumpfberg schüttelte nur mit dem Kopf.

Sie stiegen die Treppen nach oben.

Auf der Sechsmeterbühne wollte Stumpfberg das Treppenhaus verlassen, doch die Buderus hielt ihn am Ärmel seiner Arbeitsjacke fest. „Wir müssen hoch zur Luftkühlerbühne, da habe ich es gesehen.“

„Ja, ich komme gleich.“

Hans machte sich von Reginas Hand los. „Vielleicht kann ich von hier aus schon etwas beobachten.“

Stumpfberg befand sich nun genau unterhalb der acht Luftkühlersegmente. Je vier gehörten zu einem Strang: Spaltofen – Quenche – Luftkühler. Vier gewaltige Propeller, die direkt unterhalb der berippten Rohre der Kühlersegmente angebracht waren, pusteten die Umgebungsluft senkrecht nach oben durch die Zwischenräume dieser Wärmetauscher hindurch. Der Schichtleiter sah aufmerksam in die Höhe, aber durch die rotierenden Ventilatorenflügel konnte er nichts entdecken. Er merkte nicht, dass Gisela ihm auf die Bühne gefolgt war und schrak ein wenig zusammen, als sie seine Schulter berührte.

„Sieh mal da, Hans.“ Sie zeigte auf den Rahmen, der als Auflage für die Luftkühlersegmente diente.

Kleine Tropfen liefen dort an der Kante entlang und wurden ab und zu durch die Luftbewegung weggeblasen. Hans stieg auf das Geländer, das die Bühne begrenzte, hielt sich mit der linken Hand an einem Stützpfeiler fest und streifte mit dem Zeigefinger der rechten Hand ein paar Tropfen vom Rand ab. Er roch daran.

„Du hast Recht, hier muss irgendwo etwas undicht sein. Das ist eindeutig C.“

Die Buderus, die Hans von hinten gestützt hatte, reichte ihm jetzt ihre kräftige Hand, damit dieser wieder vom Geländer heruntersteigen konnte, was der mit einem lauten Stöhnen auch tat.

„Lass uns jetzt nach oben gehen, Gisela. Hoffentlich finden wir die Stelle.“

Sie gingen zurück zum Treppenhaus, stiegen noch einmal drei Meter höher und erreichten die Luftkühlerbühne. Rundherum um die acht Luftkühlersegmente, die als ein Block nebeneinander installiert waren, lief ein schmaler Gitterrostweg, den die beiden nun hintereinander entlang schritten. Dabei richteten sie ihren Blick auf die Oberfläche der berippten Rohre. Die von den Lüftern von unten nach oben geblasene Luft erwärmte sich hier so stark, dass sie flimmerte, wie man das von heißen Sommertagen her kennt. Von C war nichts zu sehen und die beiden rochen auch nichts. Als Schichtleiter und Anlagenfahrerin die Runde beendet hatten und wieder am Treppenhaus ankamen, waren sie so klug wie vorher.

Plötzlich ging Gisela auf die Stirnseite der Segmente und stieg, das den Weg auf beiden Seiten säumende Geländer, wie eine Steigleiter nutzend, zu der, in Höhe von etwa einem Meter zwanzig liegenden, Oberfläche der Segmente hoch. Durch die eng aneinander montierten Wärmetauscher entstand an deren Berührungsfläche ein Steg, der so breit war, wie ein Schwebebalken. Die Buderus breitete ihre Arme aus und schritt, fast sah es so aus als schwebte sie – diese Leichtigkeit hätte Hans der kompakten Frau gar nicht zugetraut -, langsamen Schrittes längs über die Oberfläche. Die warme Luft schlug der Buderus entgegen. Doch das fühlte sich nicht unangenehm an. Gisela hatte auf der Nordseite angefangen. Insgesamt gab es sieben solcher Stege, die sie abzuschreiten gedachte.

Stumpfberg blieb auf dem Gitterrostweg stehen.

Als die Buderus beim fünften Steg, also der Berührungsstelle der Segmente fünf und sechs angekommen war, rief sie Hans zu, „hier riecht es nach C!“

Sie ging noch ein Stückchen weiter. „Da, aus zwei oder drei Rohren des sechsten Segments kommt C raus.“

Stumpfberg stieg schnaufend ebenfalls auf die Luftkühleroberfläche, ging auf die Buderus zu, die immer noch mit der Hand auf eine bestimmte Stelle des Wärmetauschers zeigte.

„Da! Siehst Du? Die Tröpfchen verdampfen gleich wieder.“

Stumpfberg roch zuerst das C. Durch das Zeichen der Frau mit der Hand fand er ebenfalls die undichten Rohre.

„Verdammt! Jetzt haben wir auch unser Luftkühlerproblem, Renate.“

„Wie meinst du das, Hans?“

Die beiden hielten sich aneinander fest, damit sie nicht auf die Rippenlamellen treten mussten.

„Na, der Abschnitt C hat doch die Defekte an den Luftkühlern der HS-Kolonne und wir nun hier in der Spaltung.“

Beide sahen schweigend auf die flimmernde Oberfläche.

„Siehst du sonst noch irgendwo einen Defekt, Gisela?“

„Im Moment nicht, Hans, aber ich gehe noch den Rest ab, dann wissen wir es genau.“

„Okay, ich klettere wieder runter und sage in der Messwarte Bescheid, dass wir das defekte Segment gleich absperren werden. Ich bin sofort wieder zurück.“

Stumpfberg kletterte geschickt, wenn auch mit leisem Stöhnen, wieder auf den Gang zurück und ging zum Treppenhaus, wo sich auf der Sechsmeterebene eine Sprechstelle befand.

„Verdammt, jetzt muss ich auch noch die Treppen runter latschen“, brummte er ärgerlich vor sich hin. Dementsprechend schnauzte er auch in das Mikrofon der Sprechstelle:

„Messwarte!! Hier ist Stumpfberg!“

„Messwarte hört.“

Hans erkannte die Stimme von Busse.

„Ralf, ich nehme jetzt ein Segment der Luftkühler in der Spaltung außer Betrieb.“

Stumpfberg machte eine Pause, damit Ralf nachdenken konnte.

„Soll ich die Kreislaufmenge erhöhen, Hans?“

„Das macht doch die Temperaturregelung automatisch, Ralf. Wenn das nicht ausreicht, dann nimmst du den Sollwert der Temperatur einfach fünf Grad höher, das dürfte nicht weiter schlimm sein. – Und rufe den Sand aus! Der soll hier oben antanzen! – Schieber drehen! – Sofort!“

Sogleich schallte es aus allen Lautsprechern:

„Manfred, du sollst unverzüglich zu Stumpfberg in die Spaltung kommen, auf die Luftkühlerbühne.“

Der Schichtleiter stapfte wieder die Treppen hoch. Die Buderus hatte bereits einen von vier Schiebern geschlossen.

„Geh du auf die andere Seite, Hans. Das hier schaffe ich allein.“

Als Sand endlich eintrudelte, griff Stumpfberg gerade zum letzten Schieber.

„Da bist du ja endlich! Komm! Mach weiter Manfred!“

Er überließ sofort dem Anlagenfahrer das Handrad der Armatur.

Die Buderus war inzwischen dazugekommen, schlug Stumpfberg die Hand auf die Schulter, dass es klatschte. „Da werden einem die Flügel lang, was Hans?“

„Ja und du gibst mir noch den Rest, Regina.“

BRD, 18. September 2001

„Wieso sind denn die Luftkühler kaputtgegangen“, fragte Stefan Becker, „war es der gleiche Grund, wie an der HS-Kolonne?“

„Natürlich spielte bei diesen Defekten auch Korrosion die Hauptrolle. Aber im Gegensatz zu den Luftkühlern der HS-Kolonne waren die Probleme hier verbunden mit der viel komplizierteren Materialauswahl. Kannst du dich noch daran erinnern Timm?“

„Und ob“, Dachs lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, „das wissen alle Schichtschlosser von damals noch, denn diese Sache war ja eine Dauerbeschäftigung für uns alle geworden. Dabei haben wir immer gedacht mit diesem Material, V2A Stahl, kann das gar nicht passieren.“

„Genau. So war das. Das haben wir alle gedacht. Doch diese Stahlsorte ist leider nicht korrosionsbeständig, wenn sie mit chloridhaltigen Medien in Berührung kommt. Verbunden mit den, durch die Wärme des C-Kreislaufs verursachten, Kräfte in den Rohren, führt das zur Spannungsrisskorrosion. Die Spuren von Wasser – und manchmal war es ja auch ein bisschen mehr – zusammen mit dem HCl, erzeugten zwar nur geringfügige Mengen chloridhaltiger Stoffe im C, aber das reichte völlig aus, um nach und nach ein Rohr nach dem anderen zu schädigen.“

In die entstandene Pause hinein war es wieder Julia, die wissen wollte, „haben sie noch Kontakt zur Kollegin Buderus? Wie geht es Ihr?“

Prost stand auf.

„Regina nutzte 1993 die Möglichkeit, in Vorruhestand zu gehen. Ich weiß es noch, wie heute, als sie mir bei der Verabschiedung erzählte, dass sie sich seit der Wende einige Ersparnisse zurückgelegt hat, sodass sie nun ohne Sorgen ihr restliches Leben genießen könne. Burghart Keppler behielt immer Verbindung zu ihr und hat mich auf dem Laufenden gehalten. Im letzten Jahr wurden die Nachrichten schlechter. Gisela musste sich mit einer bösen Krankheit herumschlagen. Vor fünf Monaten ist sie gestorben.“

Prost sah, dass Julia mit den Tränen kämpfte. Er legte ihr den Arm um die Schulter.

„Julia, um Himmelswillen! Wenn Gisela sehen könnte, dass eine junge Frau bei einer Erzählung über ihre Person, über Gisela Buderus, Tränen in die Augen bekommt, sie würde aus dem Grabe auftauchen und mich zusammenstauchen. „Thomas Prost, was hast du der jungen Frau für einen Blödsinn über mich erzählt, dass sie weinen muss?“

„Aber Gisela, nie würde ich etwas Unwahres über dich berichten, das weißt du doch.“

„Warum weint sie dann?“

„Das stimmt. Irgendetwas muss ich falsch ausgedrückt haben. Du warst nie ein Kind von Traurigkeit.“

„Das kannst du aber laut sagen, Herr Doktor, dann bringe das mal wieder in Ordnung.“

„Weißt du noch, Gisela, wie wir uns mal über den Tod unterhalten haben?“

„Oh ja, hahaha, du wolltest mir was Gutes tun und sagtest: Du bist eigentlich unsterblich, Gisela, weil immer wieder Menschen deiner Art geboren werden und so wird es dich immer geben. Doch genau da kamst du ins Stottern, weil dir der Doppelsinn deiner Worte klar wurde.“

„Ja, und du hast nur laut gelacht und meintest: Na klar bin ich ein Mensch, wie viele andere und gehe in der Menge unter und wieder auf. Doch das stört mich überhaupt nicht. – Ich bin unsterblich! – Hahaha! – Thomas, du bist eine Maus! Aber vielleicht hat der liebe Gott das ja ganz und gar so gemeint?“

Als Prost verstummte, herrschte kurze Zeit Stille. Dann stand Julia plötzlich auf, drückte Prost einen Kuss auf die Wange und stürzte aus der Messwarte.

Der Doktor sah die jungen Männer ein wenig verwirrt an. „Heult sie jetzt da draußen oder lacht sie sich kaputt?“

Jan stand auch auf. „Ich werde es herausfinden.“

„Gut, dann können wir ja wieder an unsere Arbeit gehen. Ich wünsche euch weiter frohes Schaffen.“

Prost drehte sich um und verließ die Messwarte.