Leseprobe Buch 8

Neutitschein, Freitag, 11. Juni 1943

Am 11. Juni 1943 schien ab und zu die Sonne durch die Wolken. Die Luft war kühl, aber trocken. Ein leichter Wind lies die noch jungen Blätter der Kastanienbäume leise rascheln.

In der kleinen Stadt Neutitschein im Kuhländchen, war nichts zu merken von dem großen Krieg, der im Osten tobte.

Um drei Minuten nach 12 Uhr durchbrach das Geschrei eines Neugeborenen die Stille in der Mühlgasse Nummer 8. Während die stolze Mutter den schreienden Sohn von der Hebamme in ihre Arme gelegt bekam, grub sich der Vater mit seinem Feldspaten in höchster Eile in den sandigen Boden im Kursker Bogen ein.

 Kursk, 11. Juni 1943

„Achtung!“, Unteroffizier Bruno Prost schrie in halbgebückter Haltung mit dem rechten Arm nach vorn zeigend so laut er konnte, „fünf T 34 von Nordost!“

Ohne sich noch weiter aufzurichten, wies er nun mit der Hand nach links. „Versucht nach Westen auszuweichen!“

Die fünf Soldaten des Spähtrupps warfen sich zu Boden und bewegten sich kriechend sofort in die angewiesene Richtung, während Prost selbst sich etwas aufrichtete und gebückt nach rechts in Richtung Osten rannte.

Als die Panzer zu schießen begannen, wusste er, dass sie ihn entdeckt hatten, warf sich sofort auf den Boden, robbte in entgegengesetzter Richtung, bis er die Geräusche der Panzer hörte und verschwand in einer kleinen Bodendelle. In fiebriger Eile riss er seinen Feldspaten vom Koppel und grub sich noch tiefer in die sandige Erde ein. Zum Glück war der Boden hier überall so aufgewühlt, dass der frische Sand nicht auffiel.

Prost legte seine MP 40 vor sich in das Loch und riskierte vorsichtig einen Blick nach vorn. Einer der Panzer war nur noch fünf Meter von ihm entfernt und kam direkt auf ihn zu. Der Unteroffizier hörte das Brüllen des Motors und nur wenig später das Klappern der Kettenglieder. Er zog seinen Kopf noch weiter ein und machte sich in seinem Loch so klein, wie es nur irgendwie ging. Nun konnte er nur noch warten und hoffen.

Es war genau 12:03.

Am Morgen dieses klaren und frischen, aber keineswegs kalten, elften Junitages des Jahres 1943 im Südwesten von Russland, hatte der Unteroffizier Bruno Prost den Befehl erhalten, mit seiner kleinen Gruppe ein Spähtruppunternehmen zur Aufklärung der Frontlage im Bereich des Kursker Bogens, durchzuführen. Prost und seine Soldaten, die zur Heeresgruppe Süd unter von Manstein gehörten, wussten, dass seit April eine Großoffensive in der Nähe vorbereitet wurde.

Der dreißigjährige Prost hatte im März nach der erfolgreichen Zurückeroberung von Charkow das Eiserne Kreuz zweiter Klasse erhalten. Der mittelgroße, athletische und offensichtlich durchtrainierte Mann mit hellbraunem Haar, braun gebranntem und schön geschnittenem Gesicht, das keinen Makel aufwies, aber trotzdem männlich wirkte, stammte aus Neutitschein, einem kleinen, idyllischen Städtchen in der Tschechoslowakei. Der gelernte Buchhalter war im Herbst 1938 kurz vor der Besetzung des Sudetenlandes durch die deutsche Wehrmacht aus der tschechischen Armee desertiert. Auf seiner Flucht musste er sich im Keller unter einem Berg Kohlen verstecken. Die Gendarmerie stocherte mit großen Kohlengabeln in dem Berg herum, doch der Flüchtling hatte Glück. Eine der Gabeln verletzte ihn zwar ein wenig, aber er blieb unentdeckt. Die Euphorie über das gelungene Entrinnen, sowie die, aus seiner Sicht, Befreiung durch die Wehrmacht, veranlasste ihn dazu dem ‚Sudetendeutschen Freikorps’, das organisatorisch den Totenkopfverbänden unter Theodor Eicke zugeordnet war, beizutreten. Mit Kriegsbeginn am 1. 9. 1939 meldete sich Prost freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht. Im Frankreich-Feldzug wurde er Unteroffizier und war danach drauf und dran die Offizierslaufbahn einzuschlagen. Aus irgendwelchen Gründen schob er das dann aber vor sich her und spätestens mit Beginn des Russland-Feldzuges verabschiedete er sich vollkommen von diesem Ziel. Seine bisherigen Kriegserfahrungen hatten ihn brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Noch bevor er 1937 zur tschechischen Armee eingezogen worden war, hatte er Anni Schossler, die zauberhafte Tochter eines an allen Streiks beteiligten, aufsässigen Arbeiters einer Tuchfabrik in Neutitschein geheiratet. Anni war nicht nur schön, sie teilte auch Brunos politische Auffassungen, ganz im Gegensatz und zum Unmut ihres Vaters. Nach der Kapitulation der polnischen Armee kam Prost gerade richtig zur Geburt seiner Tochter Helga im November 1939 auf Heimaturlaub. Fast war er ein bisschen enttäuscht, dass es kein Junge geworden war. Aber als er seine Frau in der Klinik besuchte, betörte ihn das kleine Wesen so, dass er das Mädchen tief in sein Herz schloss.

Der 500 PS starke Motor des T 34 dröhnte besonders laut in Prosts Ohren, als der 30 Tonnen schwere Koloss in seiner unmittelbaren Nähe anhielt. Der Mann drückte sich noch tiefer in das Loch und presste sein Gesicht in den Sand.

An die Gedanken, die ihm jetzt durch den Kopf rasten, konnte er sich später nicht mehr erinnern.

Die Ketten des Fahrzeugs wühlten Unmengen Sand auf, die Prost vollständig bedeckten.

Mit wiederholt bedrohlich aufheulendem Motor fuhr der Panzer zwei Meter weiter, drehte erneut, wie ein wildes Tier brüllend, mit den Raupenketten hin und her. Prost befürchtete jeden Augenblick, dass die Ketten ihn erwischen könnten und wartete auf den Schmerz, der damit verbunden sein würde.

Doch der russische Fahrer hatte wohl nicht genau gesehen, wo der Feind abgetaucht war, weil die Landschaft hier viele kleine Unebenheiten und Löcher von vorherigen Kämpfen aufwies.

Das war Prosts Glück.

Nur wenig später ermunterten ihn die leiser werdenden Geräusche erst einmal die auf ihm liegende Erde abzuschütteln. Als das problemlos gelang, hob er langsam den Kopf und hielt Ausschau.

Zuerst suchte er die Panzer, aber die waren bereits hinter dem nächsten Hügel verschwunden. Dann blickte er sich nach seinen Kameraden um, doch auch die konnte er nicht entdecken.

Neutitschein, 11. Juni 1943

Zur gleichen Zeit kam Annis fünfzehnjährige Schwester Maria, die dreieinhalb Jahre alte Helga an der Hand, ins Zimmer gehüpft und rief erstaunt, „das ist ja nur eins!“

Sie blieb stehen und plapperte schnell weiter, „die Resi von unseren Nachbarn hat elf Junge bekommen!“

„Oh Gott, Mizzi“, die junge Mutter schüttelte liebevoll lächelnd den Kopf, „da habe ich ja noch einmal Glück gehabt.“

„Warum?“, fragte die Kleine übermütig, „das wäre doch wundervoll gewesen!“

„Für Kaninchen vielleicht“, antwortete die große Schwester ernst, „aber für einen Menschen – unmöglich.“

Doch dann lächelte die junge Mutter wieder. „Seht doch mal, ihr zwei, ist – der Eine – nicht schön?“

Die Prost hob das kleine Bündel in ihren Armen etwas an, drehte das Baby ein bisschen in Richtung ihrer neugierigen Schwester, auch die kleine Helga streckte sich, damit sie etwas sehen konnte und Anni sprach mit verstellter Stimme, „ich bin Thomas, Thomas Prost und wer seid ihr?“

Maria Schossler sah mit aufgerissenen Augen auf das kleine Wesen, schwieg einen Moment, um dann um so lauter heraus zu trällern, „ein Junge! Hurra! Wir haben einen Jungen. Das ist ja wunderbar, Antschi!“

Die Halbwüchsige schlang ihre Arme um Schwester und Baby.

Die kleine Helga drückte zwar ihr Köpfchen auch an Mutter und ihr Brüderchen, doch sie spürte instinktiv, dass hier eine Konkurrenz angekommen war und, dass sich fortan nicht mehr alles nur noch um sie drehen würde. Demonstrativ drückte sie die schon etwas lädierte Puppe an ihre Brust.

Die Gedanken der glücklichen Mutter gingen zurück in die Vergangenheit.

Neutitschein, 5. Mai 1937

Die nur knapp einen Meter sechzig große, dunkelhaarige, herrlich weiblich proportionierte Anni Schossler, lernte ihren zukünftigen Mann Bruno auf einem Heimatfest kennen. In der darauffolgenden Woche wurde die hübsche Anni überraschend vom Amtsgericht vorgeladen.

Der Grund auf der Vorladung lautete lakonisch:

‚Zur Aufklärung eines Sachverhaltes’.

Die Unterschrift war unleserlich.

Mit mulmigem Gefühl, aber dem festen Willen, sich von denen nicht einschüchtern zu lassen, ging sie ins Gerichtsgebäude und suchte den Raum mit der Nummer 14, wie es auf dem Schreiben stand. Vor der Tür blieb sie kurz stehen und las das sehr neue, ein wenig unprofessionell aussehende Schild.

Amtsgericht: Direktor Dr. jur. Havemann und darunter in kleinerer Schrift:

Assessor i. s. Bruno Prost.

‚Ich hasse dich schon jetzt, Assessorchen’, dachte Anni aufsässig, was ihren Vater sehr gefreut hätte.

Trotzdem pochte ihr Herz aufgeregt, als sie an die Tür klopfte.

„Herein, junge Frau“, schallte es von drinnen.

Anni stutzte, diese fröhliche, junge Stimme kannte sie doch.

Und woher wusste der eigentlich, dass eine junge Frau hier draußen wartete?

Wie konnte das sein?

Die Stimmung in ihr änderte sich. Ihre Beklemmung verflog. Das Gefühl sagte ihr, dass dort, hinter der Amtstür, nichts Böses auf sie wartete. Sie steckte vorsichtshalber die Vorladung in ihr kleines Handtäschchen und öffnete dann schwungvoll die Tür. Sie machte zwei Schritte in den Raum hinein und blieb wie angewurzelt stehen.

Den Mann hinter dem Schreibtisch kannte sie tatsächlich.

War das nicht der hübsche junge Kerl, der sich auf dem Fest so um sie bemüht hatte?

Annis Gefühle schossen Kabolz.

Einerseits freute sich die Frau, den ihr sehr sympathischen Mann, wiederzusehen, andererseits fragte sie sich aber nach wie vor, wieso man sie hierher vorgeladen hatte.

Die Stimme des jungen Beamten riss sie aus ihren Gedanken. „Bitte nehmen sie doch Platz Fräulein Schossler.“

Zögerlich ließ sich die Frau auf den ungepolsterten Sitz nieder.

Der Mann erhob sich, kam mit einem ähnlichen Stuhl hinter dem Schreibtisch hervor, setzte sich Anni gegenüber und lächelte sie an. „Darf ich bitte ihre Vorladung sehen?“

Die Schossler saß kerzengerade und sah ihrem Gegenüber treuherzig in die Augen. „Was denn für eine Einladung?“

Bruno lächelte zwar immer noch, aber er schüttelte den Kopf. „Keine Einladung, eine Vorladung.“

Betont ernst fügte er hinzu, „auf der der Grund steht, warum sie hierherkommen mussten.“

Die junge Frau sah mit bravem Augenaufschlag auf den Fragesteller. „Sind sie der Direktor?“

„Natürlich nicht, mit solchen Kleinigkeiten gibt sich der Doktor doch nicht ab. Er hat mich mit der Angelegenheit betraut.“

Wieder sah die Schossler unschuldsvoll zu ihrem Assessorchen. „Welche Angelegenheit denn?“

Schlagartig begriff Bruno Prost, dass ihn die junge Frau durchschaut hatte. Sie war also nicht nur hübsch und sexy, sie war auch noch schlau.

‚Das ist die Frau für dein Leben, Bruno’, sagte er zu sich, schlug sich mit den Händen auf seine Knie und lachte.

„Sie haben mich durchschaut. Ich habe die Abwesenheit des Direktors ausgenutzt und schnell ein anderes Schild an der Tür angebracht, nachdem ich ihnen die Vorladung geschickt hatte. Weil sie sich auf dem Fest nicht mit mir verabreden wollten, musste ich mir doch etwas anderes einfallen lassen.“

Der junge Mann sah der Frau ernst in die Augen und forderte höflich, „bitte geben sie mir die Vorladung wieder zurück.“

‚Das könnte dir so passen’, dachte Anni grimmig, ‚die behalte ich als Faustpfand. Du gefällst mir nämlich auch. ’

Sie öffnete ihre Handtasche, sah suchend hinein und schloss sie wieder. „Die muss ich doch glatt zu Hause vergessen haben. Was machen wir da nur?“

‚So ein Luder’, dachte Bruno mit zärtlicher Begeisterung, ‚mit der wird es bestimmt nicht langweilig’, und laut sagte er, „dann muss ich eben zu dir, – entschuldigen sie, – zu ihnen nach Hause kommen und die Vorladung wieder abholen.“

„Donnerwetter!“ Anni lachte spöttisch. „Mit einem Mann, der sich zu mir nach Hause traut“, ihre Miene wurde ernst, „kann ich mich beruhigt duzen. Ich heiße Anni.“

„Aber das weiß ich doch.“

Bruno sprang auf, ergriff ihre Hand. „Und ich bin Bruno, Bruno Prost.“

Er sah ihr in die Augen. „Ich komme um Acht?“

„Einverstanden.“

Die Schossler stand ebenfalls auf und fügte schnell noch hinzu, „aber besser doch nicht gleich zu mir nach Hause.“

Die Frau entzog dem Mann langsam ihre Hand, wandte sich zum Gehen, drehte kurz ihren Kopf zur Seite, „wir treffen uns auf dem Marktplatz, gut?“, und ging schnell zur Tür.

Bruno rief ihr noch hinterher, „bringst du die Vorladung mit?“

Der Mann erhielt keine Antwort mehr, aber er hörte noch das helle, fröhliche Lachen der Frau.

Genau wie Bruno hatte auch Anni eine Lehre als Buchhalterin abgeschlossen und war anschließend vom Buchhändler Hort eingestellt worden. Im Gegensatz zu Prost, dessen Eltern ein Uhrmachergeschäft besaßen, hatte die Frau nur ein sehr einfaches zu Hause. Der in einer Hutfabrik Österreich-Ungarns als Fabrikarbeiter angestellte Vater war oft arbeitslos, weil er sich nicht nur an jedem Streik beteiligte, sondern mit all seiner Energie um Gerechtigkeit für jedermann kämpfte. Als derart bekannter Aufsässiger wurde er bei Auseinandersetzungen meistens mit als Erster von der Fabrikleitung entlassen, obwohl diese ihn später doch immer wieder einstellen musste. Das geschah, weil er einer sozialdemokratischen Arbeiterorganisation angehörte und nicht zuletzt auch deshalb, weil er ein ausgezeichneter Arbeiter war – wenn gearbeitet wurde. Das größte Problem entwickelte sich, als der Vater in den Sog des Alkohols gezogen wurde, denn das verlängerte seine Arbeitslosigkeit und manchmal ging es deshalb der gesamten Familie Schossler mit den drei Kindern Anni, Karl und Maria finanziell sehr schlecht.

Die intelligente Anni kannte an sich keine Probleme in der Schule. Die einzige negative Note, eine „Fünf“ in Deutsch, hatte sie erhalten, als sie zum Vortragen eines Gedichtes nicht, wie vom Lehrer gefordert, vor die Klasse getreten war. Anni hatte sich geschämt, weil sie Kleid und Schuhe ihrer Mutter tragen musste und die waren ihr natürlich viel zu groß gewesen. Sie nahm lieber die fünf in Kauf, als sich vor ihren Mitschülerinnen zu blamieren.

Trotz dieser teilweise bedrückenden Situation fühlten die drei Schosslerkinder sich meistens glücklich, denn ihre Mutter war nicht nur eine schöne und kluge Frau, sondern überhaupt ein charaktervoller Mensch, der, zumindest kam das den Kinder so vor, auch die schwierigsten Situationen meistern konnte.

Das bewies diese großartige Frau, als ihr Mann aus Verzweiflung Selbstmord beging. Damals war Anni gerade zweiundzwanzig, ihr Bruder Karl vierzehn und die kleine Maria sechs Jahre alt. Diese schwere Zeit schweißte die kleine Familie erst recht zusammen. Anni kümmerte sich rührend um ihre kleine Schwester und das umso mehr, als ihre Mutter an Tuberkulose zu leiden begann.

Kennzeichnend für ihr inniges Verhältnis zu Maria war unter anderem folgendes Erlebnis:

Nach Annis schöner Hochzeitsfeier am 2. Weihnachtsfeiertag 1937 im Heim der Schosslers, bei der der Bräutigam auch mit Mizzi toll herumgeturnt war, verabschiedete sich das Brautpaar gegen Abend, um in ihrer neuen Wohnung, Einzug zu halten.

Als die kleine Maria mitbekam, dass ihr neuer Schwager, ihr großes Schwesterchen mitnehmen wollte, baute sich das zarte Persönchen vor dem stolzen Bräutigam auf, stemmte die Arme in die Hüften, stampfte mit dem rechten Fuß auf den Boden und sagte zornig, „meine Antschi kriegst du nicht mit zu dir nach Hause!“

Sie ergriff die linke Hand ihrer Schwester und versuchte sie festzuhalten.

Neutitschein, 11. Juni 1943

Und nun war Anni schon zum zweiten Male selbst Mutter geworden. Sie fühlte sich glücklich und stolz, denn sie hatte einen gesunden und kräftigen Sohn zur Welt gebracht.

Inzwischen war ihre fröhliche Schwester zusammen mit der kleinen Helga, die ihre Puppe fester als sonst an ihre Brust drückte, schon wieder trällernd aus dem Zimmer verschwunden. Vermutlich besuchten die beiden nun wieder die elf kleinen Kaninchen. Die junge Mutter lehnte sich mit dem Rücken an die Stirnwand des Bettes.

„Ach, wenn dich doch dein Vater sehen könnte“, murmelte Anni vor sich hin, während der kleine Thomas genussvoll an ihrer Brust saugte.

Die Mutter konnte sich nicht sattsehen an ihrem Sohn und so beobachtete sie nun, wie mit zunehmender Sättigung dessen Äugelein immer kleiner wurden, bis sie völlig geschlossen waren. Langsam ließ das Kind auch die Brustwarze aus dem Mund gleiten und – Thomas Prost war eingeschlafen.

Vorsichtig stand die Mutter mit dem Kleinen im Arm auf, legte ihn in das ganz in der Nähe stehende Kinderbettchen, deckte ihn liebevoll zu, setzte sich an den kleinen Tisch und begann einen Brief an ihren Mann zu schreiben.

Kursker Bogen, 11. Juni 1943

Ausgerechnet jetzt, nach der überstandenen Todesgefahr und bei der Suche nach seinen Kameraden, dachte Prost an zu Hause.

‚Würde es dieses Mal ein Sohn werden? ’

Bruno gingen die Bilder vom letzten Heimaturlaub, der genau neun Monate zurücklag, durch den Kopf. Gleich bei seiner Ankunft hatte er Anni ins Ohr geflüstert, dass er unbedingt einen Sohn von ihr haben möchte. Die Frau erfreute dieser Wunsch ihres Mannes und so liebten sich die beiden so oft sexuell, wie sie es niemals vorher getan hatten und vielleicht auch niemals mehr nachher tun würden.

In Frankreich, Polen und zuletzt in Russland, hatte Bruno auch mit anderen Frauen Sex gehabt, weil sich das einfach so ergeben hatte. Prost dachte nicht weiter darüber nach. Es war eben einfach so.

Doch diese zwei Wochen mit Anni hatte er in vollen Zügen genossen. Die anderen Frauen waren längst vergessen. Er liebte seine schöne und intelligente Frau und er wollte unbedingt einen Sohn mit ihr zusammen haben. Das wünschte er sich von ganzem Herzen.

Plötzlich schreckte Prost aus diesen Gedanken auf. Er sah aus Richtung Westen einen Kopf über einem kleinen Hügel auftauchen, dann folgte der Oberkörper und Bruno erkannte den Obergefreiten Bohlke, der einen kleinwüchsigen Russen, dem sie die Hände auf dem Rücken gefesselt hatten, vor sich hertrieb. Hinter ihm folgten auch die anderen vier Soldaten seiner Gruppe.

Bruno ging auf seine Kameraden zu und fragte schon von weitem, „keiner verletzt?“

Bohlke schüttelte den Kopf. „Das fragst du uns? Wie sieht es denn bei dir aus? Du hast immerhin fünf Panzer auf dich gezogen.“

Prost winkte ab und zeigte auf den Russen. „Na, ihr ward ja auch nicht faul.“

Dann betrachtete er sich den Gefangenen genauer, erkannte an den zwei Winkeln auf dem linken Oberarm – Schulterstücke gab es zu diesem Zeitpunkt bei der Roten Armee noch nicht – dass es sich um einen Mladschij Sergeant, also einen Unteroffizier handelte.

„Wie ich sehe, habt ihr unsere Spähaufgabe erledigt.“

Bruno klopfte dem Obergefreiten auf die Schulter. „Dann können wir uns ja wieder auf den Heimweg machen.“

Bohlke brüllte den Russen an, „dawai, dawai!“, und gab ihm einen Schubs.

Der Gefangene stolperte und fiel hin.

Prost machte zwei schnelle Schritte, griff dem Russen unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.

„Iswinitje Towarischtsch (entschuldige Genosse), der Bohlke ist eben ein ungehobelter Klotz.“

Die Soldaten grinsten. Sie kannten ihren Unteroffizier und seine, trotz oder vielleicht gerade wegen der brutalen Grausamkeit des Krieges, scheinbar immer stärker werdende Menschlichkeit.

Der Obergefreite schüttelte seinen Kopf. „Hoffentlich haben die da drüben“, brummte Bohlke und zeigte in Richtung Frontlinie, „auch solche Prosts in ihren Reihen, falls sie mich mal erwischen sollten.“

Bruno lachte. „Wenn die dich schnappen, brauchst du dir um dein Leben keine Sorgen zu machen. So ein Prachtexemplar wie dich, Otto, reichen die Russen als Anschauungsmaterial überall herum.“

Gut gelaunt, aber hellwach, marschierte die kleine Gruppe zu ihrer Einheit zurück.