Leseprobe

Leseprobe Seiten 7 bis 26

Tod

Mittwoch 15. Mai 1991

„Worauf hast du dich da eingelassen, Chef?“, fragte der 46-jährige Chemiker Hans Stumpfberg und beugte sich mit seinem massigen Körper nach vorn über den Besprechungstisch. Die Stimme des für den Bereich Spaltung und V-Destillation der V-Fabrik verantwortlichen Experten klang vorwurfsvoll und ein wenig zynisch, weshalb er auch bewusst das Wort Chef verwendet hatte, wohl wissend, dass sein Kollege das gar nicht liebte. Für die Verhältnisse des etwas phlegmatisch wirkenden, nur einen Meter 70 großen Mannes, sprach er richtig aufgebracht weiter, „die Spaltung mit Verdampfer und zwei Spaltöfen mit 10 % Belastung betreiben? So ein Schwachsinn! Das kann und wird nicht funktionieren!“

Der seit Mitte 1990 für diese Fabrik zuständige Leiter, der 48-jährige, promovierte Ingenieur Thomas Prost kannte den Hang seines Kollegen zum Widerspruch und war deshalb über dessen Meinungsäußerung nicht zu sehr erschüttert. Obwohl, er merkte schon, allein durch die Verwendung des Wortes Chef, dass Stumpfberg es ernst meinte. Der mit einem struppigen Schnauzbart ausgestattete, drahtig wirkende Prost wusste, dass er seine Kollegen erst einmal dazu kriegen musste, überhaupt über die Sache nachzudenken.

Auch der zweite Chemiker, der zehn Jahre jüngere Harry Kupfer, ein stattlicher, attraktiver Mann, der nach der Zusammenlegung der beiden Abschnitte Anfang 1991 als ehemaliger Leiter des Bereichs C der zuständige Fachingenieur für die Anlagenteile Direktchlorierung, C-Destillation und Rückstandsverbrennung geworden war, äußerte seine Bedenken.

„Mit der DC-Reaktion könnten wir eventuell zurechtkommen“, sagte Kupfer ruhig, „wir haben bisher zwei Reaktoren parallel benutzt. Also legen wir einen still, dann kann der andere mit 20 % Last möglicherweise betrieben werden.“ Er steigerte die Lautstärke seiner Worte, „schlecht vorstellen kann ich mir, dass die C-Destillation noch funktioniert“, und endete mit kräftiger Stimme, „aber überhaupt nicht mehr arbeiten wird die V-Destillation!“

„Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass eine solche Minilastfahrweise funktioniert, Thomas“, warf der Ingenieur Franz Schmidt ein.

Der stämmige, über einen Meter 90 große, wie ein Bär wirkende Mann, hatte von Anfang an in der V-Fabrik als Schichtleiter gearbeitet und war seit 1990 für alle Nebenanlagen und TUL Prozesses zuständig.

Schmidt räusperte sich und fügte noch hinzu, „aber davon abgesehen bleibt die Frage, wo bekommt die PLAST-Anlage dann das restliche V her?“

„Unabhängig von der Machbarkeit dieses Vorhabens wird es energetisch vollkommen sinnlos“, warf die diplomierte Ingenieurin Kerstin Horch ein, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin aus dem Bereich Forschung.

„Das ist der einzige Punkt, den wir links liegen lassen können“, meldete sich die attraktive Betriebswirtin der Fabrik, die vierzigjährige, blondhaarige Ellen Weber zu Wort, „das gesamte Werk ist im Umbruch und da sind die Kosten für die Minilastfahrweise der C-V-Anlage nur ein Klacks.“

Prost nickte seiner Kollegin freundlich zu.

„Ellen hat es auf den Punkt gebracht. Wir müssen die technischen und technologischen Probleme lösen, damit unsere Fabrik überleben kann, bis die Oxianlage gebaut ist und der, hoffentlich dann noch vorhandene, Rest unserer Anlage angepasst werden kann.“

Am 30. 6. 1991 sollte die größte Fabrik von LUNA, dem ehemaligen volkseigenen Kombinat mit achtzehntausend Beschäftigten, die Wolken produzierende Karbidfabrik, abgestellt werden. Das würde natürlich für die Umwelt in dieser Region von großem Vorteil und zum Teil auch für die hier lebenden Menschen sein. Aber die Folge war natürlich auch, dass alle, der auf das aus dem Karbid hergestellte Acetylen angewiesenen, Betriebe ebenfalls die Produktion einstellen mussten. Daraus wiederum ergab sich zwangsläufig, dass viele Menschen hier ihre Arbeit verlieren würden. Auch für die C-V-Anlage fehlte dann der Abnehmer für das Zwischenprodukt Chlorwasserstoff (HCl). Kein Karbid bedeutete kein Acetylen. Kein Acetylen hieß keine VC-Produktion (VC im Roman mit V abgekürzt) nach dem alten Verfahren und damit wurde auch kein HCl mehr benötigt, das im neuen V-Herstellungsprozess als Nebenprodukt anfiel. Eigentlich hieße das auch das Aus für die nur zehn Jahre alte V-Fabrik. Doch nach der politischen Wende 1989 war eine Zeit voll so gewaltiger Veränderungen im Osten Deutschlands angebrochen, dass man sich hüten musste, vorschnelle Entscheidungen zu fällen. PVC (im Roman abgekürzt mit PLAST) wurde in der ganzen Welt in großen Mengen benötigt und im immer noch neuen B-V-PLAST-Komplex (B steht im Roman für Chlor) war ja alles zur Produktion dieses Produktes vorhanden. Es fehlte eben nur noch die Möglichkeit, das bei der V-Produktion anfallende HCl, irgendwo zweckmäßig einsetzen zu können. Die sinnvollste Anwendung wäre natürlich die in der Oxichlorierung, aber diese Anlage musste erst noch gebaut werden. Sollte die Fabrik solange stillgelegt werden? In normalen Zeiten wäre das wohl auch so geschehen. Aber im Osten Deutschlands würde es noch lange keine normalen Verhältnisse geben. Es war wichtig die Menschen zu beschäftigen und die erfahrenen Arbeitskräfte im Unternehmen zu behalten, denn in spätestens vier Jahren würde man sie wieder benötigen. Was tun? – Eine Bilanz, bezogen auf den Bedarf an HCl, ergab maximal 10 Tausend Tonnen pro Jahr. Das war weniger als ein Zehntel der normalen Produktion der V-Fabrik.

„Könnt ihr das?“, lautete die lakonische Frage der Ökonomen des von der Treuhand verwalteten Unternehmens an den Betreiber.

Die C-V-Anlage war 1980 mit einer Kapazität von zweihundert Kilotonnen V pro Jahr errichtet worden. Dem entsprach eine HCl-Menge von 140 Tausend Tonnen. Jetzt sollte die gleiche Anlage also nur noch ein Zehntel oder sogar noch weniger produzieren. Jeder Ingenieur überall in der Welt würde auf die oben gestellte Frage antworten:

„Unmöglich!“

Damit hätten sie normaler Weise auch Recht gehabt. Aber in der ehemaligen DDR war nach 1990 nichts mehr normal. Das wusste niemand besser als die Menschen, die hier lebten und arbeiteten.

Das Personal der V-Fabrik, seit 1990 also mit Prost an der Spitze, antwortete deshalb auch, ohne zu zögern:

„Einem Ingeniör ist nichts zu schwör!“

Sie trommelten die Techniker, Forscher, Produktionsingenieure, Spezialisten andere Gewerke zusammen und holten noch den besten Mann aus der exzellenten verfahrenstechnischen Berechnungsgruppe Dieter Halbecker mit dazu und ließen ihre Köpfe qualmen.

Das geschah am Mittwoch dem 15. Mai 1991. Die Beratung hatte um 13:30 im Besprechungszimmer des Messwartengebäudes der C-V-Anlage begonnen. Prost wandte sich dem Technikchef Sänger zu.

„Bernd, wie siehst du denn die maschinentechnische Seite?“

Der Maschinenbauingenieur Bernd Sänger war der verantwortliche Leiter der Technik für den gesamten Bereich BVP und ein energischer Mann im Alter von dreiundvierzig Jahren. Obwohl er nur einen Meter und 75 groß war, machte er mit seinem kräftigen, sportlich trainiert wirkenden Körper eine gute Figur. Das anziehende Gesicht mit den schwarzen Haaren und den dunklen Augen, die zu funkeln schienen, wenn er seine Kritik auf die Produktionsleute abschoss, nahm seinem oft strengen Auftreten die Schärfe.

„Prost, du bist doch total bescheuert. Wo hat man so etwas schon mal gehört, eine große Produktionsanlage mit nur 10 % Belastung zu betreiben und vielleicht muss es sogar noch weniger sein? Ihr macht doch so schon genug kaputt, reicht euch das nicht?“

Die Kollegen aus der Produktion machten grimmige Gesichter, die Instandhalter wiegten mehr oder weniger zustimmend ihre Köpfe, aber der Anlagenleiter ließ sich so schnell nicht erschüttern, denn der Streit zwischen Produktionsleuten und Instandhaltern hatte eine lange Tradition. Es ging dabei ganz und gar nicht zimperlich zu. Prost wusste aber auch, dass beide Seiten letzten Endes immer an einem Strang gezogen haben, auch wenn es am Anfang oft nicht so aussah.

„Sänger, du und deine Instandhalter, ihr wisst doch gar nicht, was ihr wollt. Jahrelang habt ihr immer behauptet wir überfordern die Technik, weil wir zu hohe Belastungen anstrebten, und habt uns wild beschimpft. ‚Ihr seid doch alle Verbrecher!’, war dein schönster Ausspruch. Jetzt wollen wir viel weniger fahren und da ist es auch nicht recht.“

Prost machte eine Pause, und weil alle ihm aufmerksam zu folgen schienen, fuhr er fort, „ja, es ist eine Herausforderung, auch gerade für alle technischen Einrichtungen. Aber, Bernd, es gibt nur eine Alternative: Stilllegung der Anlage! Willst du das?“

Sänger knurrte nur Unverständliches, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sagte nichts mehr. Während der gesamten bisherigen Diskussion saß Dieter Halbecker still am Tisch, vor sich einen nagelneuen Laptop und tippte emsig auf der Tastatur.

Jetzt, nach der hitzigen Diskussion, hob er den Kopf und sagte mit ruhiger, fast gelangweilter Stimme, „das könnte klappen.“

Alle Köpfe wandten sich in seine Richtung.

„Was könnte klappen?“, fragte Prost.

„Harry Kupfer hat recht, wenn er sagt, dass die V-Destillation wohl das größte Problem sein könnte. Ich habe für die komplizierteste, also die HCl-Kolonne, mal schnell ein paar Berechnungen durchgeführt. Und, ich glaube, es könnte funktionieren, wenn wir leichtere Ventile einsetzen, diese auf allen 45 Böden um 80 % reduzieren, die Öffnungen verschließen und die Wehre um 50 % verkleinern.“

Es herrschte angespannte Stille am Tisch. In den Gesichtern der Kollegen spiegelten sich Ungläubigkeit, Erstaunen, Zweifel, Ablehnung und Hoffnung.

Prost atmete tief durch.

„Das ist der erste Schritt nach vorn.“

Sofort wandte er sich wieder an Sänger.

„Was sagst du, Bernd, kriegt ihr das hin?“

Der Ingenieur beugte sich wieder nach vorne und brummte unwillig, „willst du mich verscheißern, Prost? Das ist doch kein Problem. Wir demontieren die Böden komplett einschließlich der Wehre, nehmen die Veränderungen vor und bauen alles wieder ein. Wenn es weiter nichts ist!“

„Na ja“, meldete sich nun überraschend Hans Stumpfberg, „bei mir bekommst du mehr zu tun, Bernd. Ich habe gerade so überlegt, dass früher in den Öfen gespalten wurde, ohne das C vorher zu verdampfen. D. h., wir binden den Verdampfer und einen Spaltofen aus und mit dem Zweiten wird verdampft und gespalten. Dazu sind einige Veränderungen an der Spaltschlange erforderlich und das ist ja nicht ganz unproblematisch, weil ja alles Spezialstahl ist.“

„Warum zerbrecht ihr euch neuerdings alle meinen Kopf“, polterte Bernd Sänger wieder los, „erinnert ihr euch nicht mehr, wie wir die vielen Defekte an den Spaltrohren in beiden Öfen in der Anfangsphase repariert haben? Damals habt ihr uns, mich, vor viel größere Probleme gestellt, aber wir haben es doch immer wieder geschafft, oder?“

Der Ingenieur beugte sich über den Tisch und sah Stumpfberg und Prost herausfordernd an.

Die Sache mit den undichten Spaltschlangen war wirklich eine verteufelte Geschichte gewesen. Bis heute wusste eigentlich noch niemand hundertprozentig, was tatsächlich die Ursache dafür gewesen war. Möglicherweise waren wirklich die Produktionsleute schuld, weil sie die Schlangen zu schnell hochgeheizt hatten. Allerdings bestand genauso die Möglichkeit, dass nach einer Reparatur die Halterungen für die Schlangen nicht richtig montiert worden waren, wodurch zusätzliche Spannungen entstehen konnten, die die Defekte verursacht haben könnten. Oder es war einfach nur eine Frage der Auswahl des richtigen Materials für die Spaltrohre gewesen. Fest stand, dass Sänger mit seinen Spezialisten und den eigenen exzellenten Kenntnissen die Reparaturen der Spaltrohre in relativ kurzer Zeit immer wieder geschafft hatte.

„Mit anderen Worten“, konstatierte Prost nun, „auch die Spaltung kriegen wir hin. Ich nehme an Harry, dass deine C-Destillation genauso umgerüstet werden kann, wie wir es gerade von der H-Kolonne gehört haben?“

Kupfer wischte mit der Hand durch die Luft.

„Eigentlich ist das gar kein Problem, weil wir den Umbau nur bei der HS-Kolonne ausführen müssen. Entwässerungskolonne und Vakuumkolonne könnten wir zur Not auch zyklisch betreiben.“

„Ja und für die Versorgung der PLAST-Anlage mit V“, warf der immer besonnen, manchmal vielleicht etwas übervorsichtig agierende Franz Schmidt ein, „bauen wir eben eine Entladestation zur vorhandenen Beladestation dazu.“

Prost atmete tief durch, sah von einem zum anderen und sprach zum ersten Male während dieser Besprechung mit leichter und beschwingter Stimme.

„Leute, ich habe das Gefühl, dass wir in den letzten sechzig Minuten die C-V-Anlage gerettet haben und damit auch auf Dauer den Standort des gesamten PLAST-Komplexes. Jeder denkt noch einmal über alles gründlich nach, damit wir nichts Wichtiges vergessen. Trotz allem behältst du Ellen“, Prost zeigte demonstrativ auf die sehr aufmerksam zuhörende, hübsche Frau, „die Wirtschaftlichkeit im Auge, wie du das auch bisher sehr gut gemacht hast. Ich danke euch allen. In zwei Tagen treffen wir uns hier um die gleiche Zeit wieder.“

Ellen Weber schritt schwungvoll aus. Das Lob von Prost hatte die Frau froh und optimistisch gestimmt. Sie schlug den üblichen Weg zum Parkplatz ein und sah dabei schon mit ganz anderen Augen auf die ihren Weg links und rechts säumenden Industrieapparate, weil sie, dem Rat ihres Leiters folgend, sich inzwischen schon ein bisschen mit den einzelnen Anlagenteilen auskannte. Früher wäre ihr gar nicht in den Sinn gekommen, sich um die Fabrik und deren Technik zu kümmern, weil die Betriebswirtin die Arbeit der anderen, vor allen Dingen die der Operator, nicht interessiert hatte. Die Weber sah zum fünfzig Meter hohen Sicherheitswaschturm (SWT) hoch, hier wurden unter anderem bei Ausfall der Rückstandsverbrennung die Abgase abgeleitet. Sie wendete den Blick auf die rechte Seite zum großen Apparategerüst, wo sie hinter der riesigen Rohrbrücke und dem teilweise achtzehn Meter hohen Apparategerüst die Köpfe der Kolonnen erkennen konnte. Ganz rechts die HCl, links daneben die größte, die V-Kolonne, daneben die, Ellen schmunzelte, Dicke Berta, die HS- … Urplötzlich traf sie ein harter Schlag am Kopf. Es wurde Nacht um sie herum. Die Frau fiel der Länge nach auf den Betonweg und blieb dort mit klaffender Kopfwunde ohnmächtig liegen. Neben ihr lag eine zwei Meter lange, wuchtige Bohle, die scheinbar zufällig von der Rohrbrücke der Frau auf den Kopf gefallen war. Das geschah genau 17 Uhr 31. Nur ein paar Sekunden später kam vom nördlichen Treppenhaus her eine mit einer schwarzen Kapuze vermummte Person angerannt, kniete neben der Frau nieder, fühlte am Hals den Puls, sprang erregt wieder auf und sah sich suchend um. Nur ein paar Meter entfernt an der Abwasservorlage erspähte sie Gerüstteile, lief schnell dahin, kam mit einem etwa einen Meter langen Eisenrohr zurück und schlug ohne zu zögern einmal mit voller Wucht auf den Kopf der Frau. Der Mörder hörte den Schädelknochen krachen, sah sich plötzlich irritiert um und rannte los. Er warf die Stahlstange in die zur Hälfte mit Wasser gefüllte, links neben dem Waschturm liegende Grube, eilte durch die kleine Anlagentasse und den zwei Meter dahinter folgenden nur einen Meter tiefen Kabelgraben hindurch in Richtung Straße R. Dort sprang der Täter in ein parkendes Auto und fuhr in Richtung Werksausgang davon.

Der Operator Emil Balla verließ über den hinteren, den nordwestlichen Ausgang die Messwarte, ging an der Rückwand des Gebäudes entlang, blickte dann nach rechts, um nicht mit einem aus der Anlage kommenden Kollegen zusammenzustoßen und sah eine Person, die er nicht erkennen konnte, unter dem Sicherheitswaschturm verschwinden. Er machte sich darüber zuerst keine Gedanken, denn schließlich arbeitete er ja nicht allein in der V-Fabrik. Nur ein paar Sekunden später schlich sich bei ihm aber doch ein Gefühl ein, dass irgendetwas an dem Mann oder dessen Bewegung nicht gestimmt haben könnte. Vielleicht handelte es sich ja auch um eine Frau? Nein, es war auf alle Fälle ein Mann. Trotz angestrengten Nachdenkens kam Balla nicht darauf, was das Besondere gewesen sein könnte. Derart in Gedanken versunken war der Operator automatisch in Richtung Waschturm gelaufen, obwohl er eigentlich in die Rückstandsverbrennung hatte gehen wollen. Plötzlich sah er etwas unter der Rohrbrücke auf dem Betonweg zwischen Abwasservorlage und Sicherheitswaschturm liegen. Er ging schneller, erkannte, dass es sich um einen Menschen handelte, und rannte die letzten Meter.

„Verdammt! Ellen, was ist …“

Der Mann verstummte, weil er den blutverschmierten Kopf der Frau erblickte, kniete sich neben den leblosen Körper und griff wie automatisch zu einem ihrer Arme, um den Puls zu fühlen. Sein Herz krampfte sich zusammen, weil er auch so schon ahnte, dass die Weber bereits tot war und es packte ihn die Erinnerung an eine vor vielen Jahren auch in dieser Anlage tödlich verunglückte junge Frau. Nach ein paar Sekunden besann sich Balla, sprang auf und rannte den kurzen Weg zum Hilfsstofflager, riss das Telefon von der Gabel und wählte die 112. Die Notrufzentrale des LUNA-Werkes registrierte den Anruf genau um 17:34. Anschließend ging er zur ebenfalls in der Nähe liegenden Wechselsprechanlage im Treppenhaus des Apparategerüstes.

„Achtung Messwarte, ich habe eben einen Krankenwagen gerufen. Es gab einen Unfall zwischen Sicherheitswaschturm und Abwasservorlage. Ellen Weber ist schwer verletzt worden. Gebt diese Information weiter.“

Die Antwort, ein kurzes „okay“, kam erst nach ein paar Sekunden, offensichtlich musste der Messwartenfahrer die schreckliche Nachricht erst verdauen.

Der 40-jährige, einen Meter 80 große, meistens unrasierte Operator Emil Balla mit dunklen, immer ziemlich kurz geschnittenen Haaren, hatte nicht nur zwei Jahre bei der NVA gedient, sondern war danach auch noch drei Jahre auf dem Motorfrachtschiff ‚Leipzig‘ zur See gefahren. Den von Körper und Statur eher unauffälligen Typ hielten Fremde für einen gutmütigen Idioten, weil Balla immer in besonders verdreckter Arbeitskleidung herumlief. Außerdem konnte es durchaus vorkommen, dass er laut zu singen begann: „1000 Mann auf des toten Manns Kiste, ho hoho und ne Buddel voll Rum“, wenn ihm danach zumute war und anschließend trompetete er auf einem Plasterohr so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Er tat alles, um dieses Bild eines gutmütig-trotteligen Spinners aufrechtzuerhalten. Nur sein Freunde und die langjährigen Kollegen wussten, dass er ein einsatzstarker, intelligenter und fleißiger Anlagenfahrer war, der außerdem über ein beeindruckendes Wissen nicht nur auf den Gebieten von Literatur, Kunst und Musik verfügte.

Balla ging langsam zur Straße R, die außerhalb der Anlage von Ost nach West führte, um den Krankenwagen einzuweisen, als er Prost schnellen Schrittes zur Unfallstelle laufen sah, und machte wieder kehrt. Die Männer trafen sich genau am Unglücksort. Der Betriebsleiter sah fragend zu seinem Operator und Freund, doch der schüttelte mit ernstem Gesicht den Kopf.

„Wie konnte das passieren, Emil?“

„Keine Ahnung Doc, aber es sieht so aus, als wäre diese Bohle“, Balla zeigte auf das neben der Verunfallten liegende wuchtige, fast zwei Meter lange Brett, „von dem Gerüst da oben“, er hob seinen Arm und wies zur Rohrbrücke, „heruntergefallen und ihr direkt auf den …“

Die Signale des Krankenwagens und eines Polizeiautos ließen den Operator verstummen, er eilte winkend zur Straße, lotste die Fahrzeuge zur Unfallstelle und stellte sich dann wieder neben Prost.

Es war jetzt 17:39 Uhr. Beide beobachteten die Handlungen des Notarztes, der sich zum Unfallopfer kniete, aber schon nach relativ kurzer Zeit wieder aufstand und einem Leutnant der Polizei seine Ergebnisse mitteilte. Prost und Balla traten näher an die beiden heran und so vernahmen sie noch die letzten Worte.

„… die zwei Kopfverletzungen sind eindeutig die Todesursache und wurden offensichtlich durch die heruntergefallene Gerüstbohle und den Aufprall auf dem Betonboden verursacht.“

„Also keine Fremdeinwirkung, Dr. Hasek?“

„So, wie ich die Verletzungen im Moment sehe, nein. Hundertprozentig kann ich das natürlich nicht ausschließen, aber das wird die Autopsie zeigen. So lange müssen sie sich noch gedulden, Herr Leutnant.“

„Kommissar, Herr Doktor, seit dem zweiten Oktober vergangenen Jahres wurde die VP aufgelöst und wir gehören jetzt zur Landespolizei.“

„Entschuldigung, das wusste ich nicht.“

„Kein Problem, immerhin haben sie ja nicht Genosse Leutnant gesagt. Das wäre mir schon eher ein bisschen peinlich gewesen.“

„Warum denn? Das hatten sie doch nicht zu verantworten.“

„Lassen wir das. – Also, ich verstehe, die Obduktion, sie informieren mich?“

„Selbstverständlich Herr Kommissar.“

Der Polizist drehte sich zu Balla und Prost um. Sein Blick wanderte zwischen den beiden in blauen Arbeitsjacken steckenden Männern hin und her, blieb dann bei Prost hängen, weil dessen Jacke nicht nur sauberer war, sondern der auch im Unterschied zu Balla keine blaue Arbeitshose anhatte.

„Sie kommen mir irgendwie bekannt vor, sind sie ein Verantwortlicher dieser Anlage, Herr …?“

„… Prost, ja, ich bin der Leiter der V-Fabrik und wie ist ihr Name?“, fragte der Ingenieur, obwohl er den Polizisten natürlich sofort an der langen, fast dürren, schlaksigen Gestalt erkannt hatte.

Leutnant Singer hatte kurz vor der Wende den Ammoniakmassenunfall untersucht, für den auch Prost zusammen mit dem neuen Technologen des C-Bereiches verantwortlich gewesen war.

„Ich bin Kommissar Singer. Da es sich offensichtlich um einen Unfall handelt, Herr Prost, übernehmen sie sicher die Information der Angehörigen?“

Ellen Weber war nicht verheiratet, aber Prost wusste, dass ihre Mutter in Eisleben lebte.

„Ja, das übernehme ich.“

„Okay danke.“

Der Polizist wandte sich wieder an den Arzt und dessen Sanitäter. „Ich werde nur noch ein paar Aufnahmen vom Unfallort mit der Toten machen, dann können sie die Leiche mitnehmen, Doktor.“

Plötzlich drehte sich der Kommissar erneut nach Balla und Prost um, sah, dass die beiden sich bereits entfernten, und rief ihnen hinterher:

„Waren sie das damals mit der 250-er MZ, der ohne Helm und viel zu schnell zur Unfallstelle gefahren kam?“

Der Anlagenleiter blieb stehen, drehte sich um und nickte nur stumm.

„Ich erinnere mich wieder, Herr Doktor Prost.“

Erst sah es so aus, als ob der Kommissar noch etwas sagen wollte, doch dann winkte er ab.

„Lassen wir das. – Aber was anderes. Kann mir mal jemand zeigen, wie ich auf das Gerüst hochkomme?“

„Selbstverständlich Herr Kommissar, mein Kollege Balla zeigt ihnen den Weg.“

Der Operator ging daraufhin langsam wieder zurück.

„Wenn dir das recht ist, Herr Polizist?“

„Kennen wir uns schon von irgendwoher?“

„Na klar, Herr Singer, du hast dich doch vorgestellt oder ist der Name vielleicht falsch?“

Der Offizier plusterte sich auf, um den Anlagenfahrer zurechtzuweisen, aber dann fiel ihm wohl ein, dass er etwas von dem anderen wollte und nicht umgekehrt. Außerdem waren die seligen DDR-Zeiten vorbei, wo ein Polizist einfach so den großen Mann markieren konnte und deshalb sagte er nur, „na dann mal los. Wo geht’s lang?“

Der Hilferuf

Donnerstag, 16. Mai 2001

Einen Tag nach dem Unglück entschloss sich Emil Balla seinen Freund, den Detektiv Ernst Wolf, aus der Metropolregion Rhein-Ruhr in Düsseldorf anzurufen. Die beiden hatten sich 1979 während der Aufbauphase des Industriekomplexes BVP, zu dem auch die C-V-Anlage gehörte, auf dem Baufeld in der DDR kennengelernt. Während Balla als Anlagenfahrer zur ostdeutschen Anfahrmannschaft gehörte, arbeitete der westdeutsche Detektiv Ernst Wolf verdeckt als Gerüstbauer an einem Fall, der später, sehr viel später, durch Hauptkommissar Malte Schreyer unter dem Titel ‚Die west-östliche Akte‘ (1) in die Polizeiannalen eingehen sollte.

Wolf wurde gleich nach dem Abitur 1963 für 15 Monate zur Bundeswehr eingezogen, diente freiwillig noch knapp zwei Jahre länger und wurde anschließend Polizist. Nach einem katastrophalen Einsatz bei einer Friedensdemonstration kündigte er den Dienst und fuhr drei Jahre zur See. Trotz der schlechten Erfahrungen zog es ihn aber wieder hin zur Polizeiarbeit und er besuchte von 1971-1975 eine Polizeifachhochschule und wurde Kriminalkommissar. Nach zwei Jahren hatte er wieder die Schnauze voll von der zunehmenden Subordination, weil die aus seiner Sicht dazu führte, dass unter dem Druck der Vorgesetzten die Kriminalfälle durch zum Teil sehr zweifelhafte Verhöre statt durch intensive Ermittlungsarbeit, also durch Fakten, Indizien und logische Beweise, geklärt werden sollten.

Wolf wurde Privatdetektiv und eröffnete die Detektei ‚Mike Hammer‘, angelehnt an den Romanhelden von „Mickey“ Morrison Spillane (2), mit dem Hinweis: weltweit tätig – 24 h – und dem Motto: Schneller als die Polizei!

Ein paar Monate später stieß Wolf in spektakulärer Weise auf die ins Rotlichtmilieu abgerutschte Ex-Studentin Paula Peters. Die kluge Frau ergriff die Chance und verstärkte Wolfs Einmannteam. Bei seinem ersten Fall vor zwölf Jahren befreundete sich der Detektiv mit Balla. Trotz des Eisernen Vorhangs hatte sich diese Freundschaft nicht nur bis heute gehalten, sondern immer mehr vertieft.

Emil setzte sich in seinen einzigen Sessel, stellte den Apparat auf seine Knie und wählte die Nummer von Wolf.

„Detektei Mike Hammer, sie sprechen mit Paula Peters. Was kann ich für sie tun?“

„Hallo Paula, hier spricht Emil Balla, wie geht es – dort?“

„Dort – geht es gut und wie geht es – hier?“

„Schlechten Menschen geht es immer gut. Das weißt du doch.“

„So ein trivialer Spruch von dir, Seemann, das enttäuscht mich aber.“

„‚Gute Menschen reizen die Geduld, schlechte die Fantasie‘(3).“

„‚Der kostbarste Besitz der Frau ist die Fantasie des Mannes‘ (4).“

„Sagt wer, Paula?“

„Das weißt du wohl nicht, Emil?“

Die Peters lachte fröhlich.

„Na, Beate Uhse.“

„Ach ja? Beate Uhse?

Ik würd lieber schmuse,

mit dir in de grüne Bluse.“

„Danke für das gereimte Kompliment, Seemann, jetzt bin ich mit dir zufrieden, aber deswegen hast du sicher nicht angerufen?“

„Wie schön, ich konnte dich befrie-di-gen.

Ist der große Meister auch zu krie-gi-gen?“

„Was denkst denn du, du Penner,

ich verbinde mit Mike Hämmer.“

Die Peters horchte aufmerksam in den Hörer, sie war sich nicht sicher, ob Emil den etwas plumpen Reim übel nehmen könnte, doch der Seemann lachte nur belustigt auf und Paula schnippte mit dem Fingernagel gegen die Sprechmuschel, legte den Hörer auf die Ablage des ausziehbaren Schwenkarmes, auf dem das gemeinsame Telefon stand, gab dem Gestell einen Schubs, sodass es sich zu dem gegenüberliegenden Schreibtisch bewegte. Wolf stoppte die Drehung und schnappte sich den Hörer.

„Hallo Seemann, wo brennt ‘s?“

„Grüß dich, Skipper, könnt ihr euch immer noch keinen zweiten Apparat leisten?“

„Wozu, Emil? Geht doch so auch wunderbar, oder?“

„Nun ja, – ich muss mit dir reden, kannste nicht mal wieder nach Halle kommen?“

„Wie wäre es, wenn du zu uns nach Düsseldorf kommen würdest?“

„Wozu denn Skipper? Das Begrüßungsgeld habe ich schon im November 1989 abgeholt und Fortuna verliert doch in letzter Zeit nur noch.“

„Wie wäre es dann mit Puccinis ‚Madam Butterfly‘ in der Rheinoper, Seemann?“

„Nicht schlecht, aber im Moment wäre mir ein Schauspiel von Kleist lieber.“

„Dann hast du wieder ein Problem und brauchst meine Hilfe?“

„Im Gegensatz zu unseren anderen Fällen bin ich mir dieses Mal überhaupt nicht sicher, Ernst, aber gerade deshalb benötige ich dich hier persönlich vor Ort. Verstehst du?“

„Geht es wieder um Leben und Tod, Seemann?“

„Ja.“

„Ich bin spätestens morgen Abend bei dir, Emil, okay?“

„Danke, mein Freund.“

Wolf legte den Hörer auf das Telefon zurück, gab dem drehbaren Gestell einen Schups, sodass sich der Apparat wieder zur Peters zurückbewegte.

„Du hast es ja gehört, Paula, unser Emil hat Sorgen und es scheint dringend zu sein. Du kommst mit dem anderen Fall hier allein zurecht?“

„Kein Problem, Ernst, aber um was geht es denn in LUNA?“

„Das weiß ich nicht und ich habe nicht gefragt. Emil sagt, dass es um Leben und Tod geht. Das genügt mir.“

„Verstehe, entschuldige die Frage, Ernst.“

„Äpfelchen, sobald ich genaueres weiß, werde ich dich informieren, das weißt du doch.“

„Ja, Ernst, wann fährst du?“

„Morgen, so früh, wie es geht, organisierst du das?“

„Na klar, Interhotel Halle?“

„Versuche es mal in Merseburg. Das ist vielleicht dieses Mal günstiger.“

„Gute Idee, Ernst, ganz in der Nähe vom Schloss befindet sich das Radisson Hotel, direkt gegenüber dem Park.“

„Sehr gut, Paula, ich sehe schon, du machst das wunderbar, wie immer, meine treue Partnerin.“

Das Gesicht der Peters strahlte wieder, die kleine Verstimmung war schon verflogen.

Wolf registrierte zufrieden dieses Lächeln, denn Paula war nicht nur seine Mitarbeiterin, sondern auch eine sehr gute Freundin, die er schätzte, wie seinen Freund Emil Balla. Er kannte diese inzwischen 36-jährige Frau nun schon vierzehn Jahre.

Paula Peters hatte 1977 ihr Studium an der juristischen Fakultät der Ruhruniversität Bochum im vierten Jahr abgebrochen. Sie schloss sich demonstrierenden Studenten an, die gegen die Haftbedingungen der RAF-Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart protestierten, und versuchte sich der Organisation anzuschießen, aber das gelang ihr nicht. Bevor Wolf auf die junge Frau im September desselben Jahres in einer fast dramatischen Begegnung traf, verdiente sie für kurze Zeit ihren Lebensunterhalt durch Prostitution.

Wolf schüttelte gedankenversunken seinen Kopf. Fast jeder, der Paula Peters das erste Mal traf, fand sie fast hässlich. Sie besaß zwar schöne dunkle, nahezu schwarze Haare, aber das herbe, nüchterne, fast kantig wirkende Gesicht verbunden mit der sehr schlanken, ihre weiblichen Formen scheinbar versteckenden Figur, ließen sie ziemlich nüchtern aussehen. Sobald sie aber lächelte und sich bewegte, verwandelte Paula sich in einer zehntel Sekunde von einem hässlichen Entlein in eine begehrenswerte junge und schöne Frau. So war es auch Emil Balla bei ihrer ersten Begegnung gegangen. Trotz der schlichten Kleidung mit meistens hellgrüner Bluse, die aber bei jeder Bewegung die schöne Form der Brüste sichtbar machte, weil sie grundsätzlich keinen BH trug und den blauen Jeans, die ihre Beine und ihren Po mit jedem Schritt sexuelle Impulse aussenden ließ, bestach die Frau mit der Natürlichkeit ihrer Bewegung.

„Wenn du am Wochenende wieder Erik besuchst, Paula, dann grüße ihn von mir.“

„Natürlich, Ernst“, antwortete sie lachend, „das mache ich sowieso“ und sie griff zum Telefon, um ein paar wichtige Anrufe zu erledigen.

Unfall oder Mord?

Freitag, 17. Mai 2001

Am Freitag trafen sich Wolf und Balla bereits in der Mittagszeit in X50, der Gasstätte des ‚Kulturhauses der Freundschaft‘ des ehemaligen Kombinates VEB Chemische Werke LUNA. Dieses imposante Gebäude war nach stalinistischem Bauprinzip errichtet worden und wirkte deswegen auch etwas protzig. Bedachte der Besucher allerdings das direkt daneben beginnende riesige Werksgelände mit den vielen kleinen und größeren, vor allen Dingen Plaste und Elaste produzierenden Anlagen, der gewaltigen Karbidfabrik sowie den zur DDR-Zeit achtzehntausend Beschäftigten, dann relativierte sich diese Protzigkeit.

Im traditionsreichen Kulturhaus befand sich der Theatersaal ‚Bertolt Brecht‘ mit etwa siebenhundertfünfzig und ein Konzertsaal mit zweihundertfünfzig Plätzen. Darüber hinaus gab es diese Gaststätte, in der es sich gerade Balla und Wolf gemütlich machten, einen Erfrischungsraum sowie Klub- und Zirkelräume. In der DDR existierte ein, heutzutage weitgehend unbekanntes, staatliches Konzept, die werktätigen Massen an die Kultur heranzuführen. Über lange Zeit diente das Klubhaus LUNA den Menschen für einen höchst lebendigen Kultur-Großbetrieb mit einem vielfältigen Angebot an Zirkeln und Volkskunstgruppen. Aber auch die große Welt war hier Dauergast: die Komische Oper unter Walter Felsenstein, das Berliner Ensemble mit Ernst Busch und Helene Weigel sowie viele andere nationale und internationale Kulturgrößen.

Wolf und Balla bestellten sich ein Bier und prosteten sich zu.

„Es ist schön, dass wir uns hier in X50 treffen, Emil, denn ich befürchte, dass dieses Haus in ein paar Jahren eine Ruine sein wird.“

„Das glaube ich nicht, Ernst, hier war eigentlich immer etwas los.“

„Ja, daran zweifle ich auch nicht, Emil, aber wie viel Arbeitskräfte sind heute noch im Werk beschäftigt?“

„Noch sind wir wohl über zehntausend, aber es soll runter gehen bis auf sechstausend.“

„Siehst du, Seemann, das ist das eine und glaubst du, dass sich die bundesdeutsche Regierung für eine künstlerische Betätigung dieser Menschen hier interessiert?“

„Die interessiert sich diesbezüglich ja nicht einmal für ihre Leute im Westen.“

„Du sagst es, Seemann.“

„Ja, das klingt logisch, Skipper, aber es wäre verdammt schade.“

„Okay, Emil, noch können wir ja dieses schöne Haus genießen. – Wie kommst du darauf, dass der Unfall eurer Kollegin ein Mord sein könnte?“

„Hör zu Detektiv, ich habe dir doch schon erzählt, dass ich mit dem Polizisten auf Rohrbrücke und Gerüst herumgeklettert bin. Je mehr ich darüber nachdenke, umso unwahrscheinlicher finde ich es, dass diese eine lose Bohle gerade in dem Augenblick heruntergefallen sein sollte, als die Weber dort entlanggegangen ist.“

„Hast du mir nicht mal den dialektischen Widerspruch zwischen Zufall und Notwendigkeit erklärt, Seemann? Also, warum nicht?“

„Genau deshalb, Skipper, denn die bestimmende Seite ist die Notwendigkeit. Der Zufall als Ergänzung der Notwendigkeit bedeutet, dass ein notwendiges Ereignis stets durch gewisse zufällige Seiten ergänzt wird. Hier liegt mir einfach für einen Unfall zu viel Zufall vor. Außerdem glaube ich inzwischen auch zu wissen, was mir bei dem Mann, den ich unter dem Sicherheitswaschturm verschwinden sah, als ungewöhnlich aufgefallen ist.“ Balla schwieg einen Moment, sah zu seinem Freund, und da der ihm aufmerksam zuhörte, sprach er weiter, „der Knabe hatte Zivil und keine Arbeitskleidung an, verstehst du?“

„Du bist jetzt sicher, dass es ein Mann und keine Frau war?“

„Ja, Ernst.“

„Dann fragst du dich also, was hatte ein Zivilist zu diesem Zeitpunkt dort zu suchen?“

„Na ja, wie für die Weber, ist dieser Weg unter der Rohrbrücke hindurch am SWT vorbei auch für andere der übliche Weg nach Feierabend zum Parkplatz. Aber niemand würde auf die Idee kommen durch die kleine Anlagentasse des Waschturms hindurchzugehen, denn dahinter befindet sich gleich der Kabelgraben. Es gibt zwar einen Schotterweg hinter dem Hilfsstofflager, aber dieser Weg ist holprig und keine Abkürzung. Ganz anders sieht das aus, wenn man sich schnell einer Beobachtung oder Verfolgung entziehen will.“

„Das ist interessant, Emil, aber gibt es denn ein Motiv für einen Mord?“

„Vor der Wende hätte ich dir gleich mehrere nennen können.“

„Tatsächlich, Seemann? Was denn zum Beispiel?“

„Die Weber war überheblich, hinterhältig, falsch und vielleicht sogar sexistisch. Die hat meinen Chef mehrfach bei der Parteileitung angeschissen …“

“… und jetzt hat er sie umgebracht?“, unterbrach Wolf grinsend seinen Freund.

„Bist du des Teufels, Skipper! Der doch nicht! Im Gegenteil, nach der Wende hat mir Prost zur Weber mal Folgendes gesagt:

‚Emil hör auf die Frau zu beschimpfen, sie hat sich geändert, wie ich es gar nicht für möglich gehalten hätte. Es begann damit, dass Ellen es lernte, den sie umgebenden Menschen, also auch mir, zuzuhören. Ihre Überheblichkeit war wie weggeblasen. Sie konzentrierte sich auf ihre Aufgaben ohne viel Geschwätz. Anfang des Jahres 1991 hatte ich das Gefühl, eine völlig andere Frau vor mir zu haben: fleißig, freundlich, aufgeschlossen auch gegenüber jedem Anlagenfahrer. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, von ihr verraten zu werden.‘

Verstehst du Skipper?“

Wolf lachte ausgelassen.

„Da habe ich dir mit meiner Frage wohl einen Schrecken aus Sorge um deinen Freund Prost eingejagt? Aber Verrat ist von den Motiven, die du bisher genannt hattest, das Einzige, das zu einem Mord Anlass sein könnte.“

„Stimmt, aber meinen Doc kannst du diesbezüglich vergessen. Es wird also nicht so einfach, wie ich anfänglich dachte. Trotzdem, du hilfst mir, Ernst? Wir ermitteln?“

„Beschreibe mir die Frau doch noch einmal sehr genau, wie sie sich vor der Wende verhalten hat, Emil, kannst du das?“

Balla sah sich suchend um.

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