Buchtipp 62: Janka, ‚Spuren eines Lebens‘ und Harich, ‚Ahnenpass‘

Rezension zu den Autobiografien: Walter Janka*): Spuren eines Lebens und Wolfgang Harich**): Ahnenpaß – Versuch einer Autobiografie

Die DDR wird in der BRD einseitig von den wichtigsten Medien, unter Berufung auf die Wahrheit, verteufelt. Wer etwas über die andere Seite der Wahrheit wissen möchte, sollte nachfolgende Rezension  lesen.

Kritik: Wahrheit aus der Sicht des Einzelnen ist immer subjektiv.

Inhalt:

Walter Janka:

Das oberste Gericht der DDR verurteilte Janka am 26. Juli 1957 wegen Boykotthetze und als unmittelbarer Hintermann und Teilnehmer einer konterrevolutionären Gruppe zu fünf Jahren Zuchthaus mit verschärfter Einzelhaft (Verhaftung am 6. Dezember 1956, und am 23. Dezember 1960 auf Grund internationaler Proteste vorzeitige Haftentlassung). Janka hat die Anklage nicht anerkannt und auf unschuldig plädiert.

Wolfgang Harich:

Das oberste Gericht der DDR verurteilte Harich im März 1957 wegen Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe zu zehn Jahren Zuchthaus. (Verhaftung am 29. November 1956, und Ende 1964 durch eine Amnestie vorzeitige Haftentlassung). Harich hat ein umfassendes Geständnis abgelegt.

Zu den Büchern:

Beide Biografien existieren unabhängig voneinander und sind doch eng miteinander verknüpft, bis zu den Gerichtsverhandlungen freundschaftlich, danach feindlich.

Jankas Buch, Spuren eines Lebens, ist übersichtlich systematisiert, chronologisch, enthält klare Aussagen in gut verständlichem Erzählstil, und ist damit für jedermann gut zu lesen. Die Schilderungen der einzelnen Lebensstationen klingen sachlich-ehrlich, dadurch glaubwürdig und überzeugend. Es entstand für mich in keiner Phase des Lesens der Eindruck, dass Janka irgendjemanden im Zusammenhang mit der Gerichtsverhandlung zu unrecht beschuldigt hat. Aus seiner Sicht schreibt er die Wahrheit.

Harichs Ahnenpaß – Versuch einer Autobiografie, ist genau das Gegenteil: Unübersichtlich, ohne erkennbare Systematik, der Autor springt zwischen den unterschiedlichsten Zeiten hin und her, die meisten Aussagen zu konkreten Situationen sind verschwommen. Trotzdem ist das Buch auf ganz andere Art und Weise sehr interessant und gut lesbar. Der Charakter des Autors ist in der Biografie gut zu erkennen, teilweise vermutlich von ihm beabsichtigt, aber andererseits vielleicht auch wieder nicht. So kann ich auch für dieses Buch sagen, dass Harich aus seiner Sicht die Wahrheit schreibt, auch wenn der Leser das Geschriebene etwas anders interpretieren mag, als der Autor selbst.

Die teilweise völlig andere Sicht der Dinge ist interessant und unleugbar ist der Verfasser Harich ein hoch intelligenter Mann, der absolut auf der Höhe der aktuellen Philosophie, aber nicht immer auf der des Alltagslebens stand.

Und doch gehören gerade diese zwei Bücher zusammen, nicht unbedingt wie Kain und Abel, eher vielleicht wie Faust und Mephisto oder, einfacher ausgedrückt, wie erst gleichgesinnter Intimus und dann entzweiter Widersacher.

Der Beweis der Zusammengehörigkeit für mich ist, dass beide ähnliche politische Ausgangspunkte im Leben haben und auch nach der Wende ihren linken politischen Auffassungen treu geblieben sind.

Wir alle wissen, dass es mit der Wahrheit so eine schwierige Sache ist, denn objektiv sieht der einzelne Mensch die Realität um sich herum anders, als sein Partner, sein Freund, der Nachbar oder gar der Chronist.

Aus meiner Sicht scheint es mir ein guter Rat zu sein, unbedingt beide Bücher zu lesen.

Ich empfehle mit Jankas Buch anzufangen.

Bewertung Janka:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Der Titel ‚Spuren eines Lebens‘ ist treffend.

Bewertung: 5

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1) wurde übersichtlich, systematisiert, chronologisch erzählt und enthält klare Aussagen in gut verständlicher Sprache.

Bewertung: 4

  1. Der Stil (Faktor 1) ist sehr gut und deshalb das Buch auch leicht zu lesen.

Bewertung: 4

  1. Recherchen (Faktor 0,5): Die Schilderungen der einzelnen Lebensstationen klingen sachlich-ehrlich, dadurch glaubwürdig und überzeugend.

Bewertung: 4

  1. Die Handlungsorte (Faktor 0,5) sind glaubhaft beschrieben (s. Punkt4)

Bewertung: 4

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Das durch die diktatorische Funktion der SED beeinflusste Justizsystem, einschließlich Strafvollzug in der DDR wird am konkreten Beispiel angeklagt. Nicht die DDR war schlecht, sondern die durch die Allmacht der SED-Kader ausgeübte Diktatur. Die PDS, später Die Linke, hat die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, denen Janka zustimmte.

Bewertung: 5

Summe der Bewertung: 4

Bewertung Harich:

  1. Inhalt, Story (Faktor 1): Im Gegensatz zu Janka läßt der Titel ‚Ahnenpaß‘ den Leser rätseln, der Untertitel‚ ‚Versuch einer Autobiografie‘ klärt auf, wohl auch dadurch, weil der Autor damit die eigenen Zweifel andeutet.

Bewertung: 2

  1. Der Sachverhalt (Faktor 1) ist unübersichtlich und ohne erkennbare Systematik dargestellt. Der Autor springt zwischen den unterschiedlichsten Zeiten hin und her und die meisten Aussagen zu konkreten Situationen sind verschwommen.

Bewertung: 2

  1. Der Stil (Faktor 1) ist gut, trotz der teilweise verwirrenden Inhalte der Sätze. Auch dieses Buch ist auf ganz andere Art und Weise als bei Janka, sehr interessant, philosophisch und gut lesbar.

Bewertung: 4

  1. Recherchen (Faktor 0,5): Die Schilderungen der einzelnen Lebensstationen, insbesondere das, was mit dem Prozess zu tun hat, klingt verworren, drückt aber deutlich das Suchen des Autors nach der Wahrheit aus, vermischt mit Versuchen der Rechtfertigung der eigenen Verhaltensweise. Auch das wirkt glaubwürdig und überzeugend.

Bewertung: 4

  1. Die Handlungsorte (Faktor 0,5) sind glaubhaft beschrieben (s. Punkt4)

Bewertung: 4

  1. Kritische Aspekte zur existierenden Realität, zur Politik, zum Leben der Menschen und Hinweise zum Bessermachen (Faktor 1): Genau wie Janka klagte der Autor das versteckte Diktat der SED (wichtige Kader mussten in der SED sein, bzw. deren Kariere war einzig und allein von der SED abhängig) auf das Justizsystem, einschließlich Strafvollzug in der DDR an. Auch bei ihm kann man lesen, dass nicht die DDR schlecht war, sondern die durch die Allmacht der SED-Kader ausgeübte Diktatur. Die PDS, später Die Linke, hat die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, denen sich genau wie Janka auch Harich anschloss.

Bewertung: 5

Summe der Bewertung: 4

 

*) Walter Janka (1914-1994), international bekannter Dramaturg der DEFA und Geschäftsführer im Aufbauverlag der DDR

**) Wolfgang Harich (1923-1995), bekannter Journalist und Philosoph (Professor an der Berliner Universität) in der DDR, vor seiner Verhaftung Cheflektor bei Janka im Aufbauverlag.